Vom 08. bis 12. April 2026 kamen 28 junge Arbeitnehmervertreter:innen aus 13 verschiedenen europäischen Ländern zur diesjährigen Konferenz der EZA-Plattform für junge Arbeitnehmende in Herzogenrath / Deutschland zusammen. Das Nell-Breuning-Haus bot erneut den organisatorischen Rahmen für die mehrtägige Veranstaltung. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich digitale Arbeitsformen und eine zunehmende „Always-On“-Kultur auf die mentale Gesundheit junger Arbeitnehmer:innen auswirken. Die Konferenz mit dem Titel „„Immer erreichbar“ – Psychische Gesundheit im digitalen Arbeitszeitalter“ wurde finanziert von der Europäischen Union.
Ankommen, Kennenlernen und Erwartungsklärung
Nach der Anreise und einem gemeinsamen Abendessen wurde die Konferenz durch das Bildungsteam (Kristina Hamm und Julian Voit) des Nell-Breuning-Hauses eröffnet. Im Anschluss stellte sich das internationale Organisationsteam vor.
Bereits zu Beginn wurde die Vielfalt innerhalb der Gruppe deutlich: Einige Teilnehmende hatten bereits Erfahrung mit EZA-Konferenzen, während für viele die Teilnahme eine erste internationale Konferenzerfahrung darstellte. Entsprechend unterschiedlich waren Erwartungen und Perspektiven.
Am folgenden Morgen wurden diese Erwartungen gemeinsam reflektiert. Dabei zeigte sich ein großes Interesse am Austausch über persönliche Erfahrungen mit digitaler Arbeit, an konkreten Strategien im Umgang mit ständiger Erreichbarkeit sowie an politischen Handlungsmöglichkeiten.
Einführung in das Thema und erste Annäherung
Zum Einstieg wurden zentrale Entwicklungen der digitalen Arbeitswelt vorgestellt und durch eine interaktive Positionierungsübung ergänzt. In den anschließenden Diskussionen wurde schnell deutlich, wie unterschiedlich die Arbeitsrealitäten innerhalb der Gruppe sind.
Während einige Teilnehmende von unterstützenden Rahmenbedingungen berichteten, schilderten andere Situationen, in denen grundlegende Arbeitsmittel oder Kosten – etwa für Strom, Internet oder Geräte – selbst getragen werden müssen. Als zentrales Problem wurde dabei benannt, dass bestehende arbeitsrechtliche Regelungen häufig nicht umgesetzt oder im Alltag nicht eingefordert werden.
Besonders anschaulich wurde die Thematik durch eine begleitende Methode: Während der gesamten Konferenz wurde auf einer Stellwand festgehalten, wann Teilnehmende Arbeitsmails beantworteten oder dienstliche Telefonate etc. führten. Diese Beobachtung machte deutlich, dass viele auch während der Veranstaltung gedanklich in ihren beruflichen Verpflichtungen eingebunden waren – ein konkretes Beispiel für die Realität der „Always-On“-Kultur.
Vertiefung: Leben und Arbeiten in der „Always-On“-Kultur
Ein praxisnaher Input durch Lisa Körber gab Einblicke in die Herausforderungen einer Arbeitskultur, die von permanenter Erreichbarkeit geprägt ist. Dabei wurde deutlich, wie stark sich diese Form der Arbeit auf den Alltag und das persönliche Wohlbefinden auswirken kann.
In den anschließenden Gruppenarbeiten entwickelten die Teilnehmenden eigene Strategien im Umgang mit dieser Situation. Die Ansätze reichten von individuellen Maßnahmen, wie bewusster Abgrenzung und Zeitmanagement, bis hin zu strukturellen Veränderungen innerhalb von Organisationen.
Politische und gewerkschaftliche Perspektiven
Am folgenden Tag wurde das Thema aus politischer Perspektive beleuchtet. Im Austausch mit Daniel Scheen-Pauls, Landtagsabgeordneter der CDU Nordrhein-Westfalen und Vorsitzender der CDA NRW, erhielten die Teilnehmenden Einblicke in aktuelle arbeitsmarktpolitische Debatten.
Besonders hervorzuheben war, dass der Referent eine kritische Perspektive auf die aktuelle Debatte der Bundesregierung einbrachte. Er machte deutlich, dass die CDA innerhalb der CDU für die Interessen von Arbeitnehmer:innen eintritt und sich aktiv in interne Diskussionen, insbesondere zu Fragen von Arbeitszeit und Belastung, einbringt. Diese Einordnung stieß auf großes Interesse bei den Teilnehmenden.
Die anschließende Diskussion entwickelte sich sehr lebendig. Der Referent zeigte sich offen für internationale Perspektiven und bezog die Erfahrungen der Teilnehmenden aktiv ein. Gleichzeitig gab er persönliche Einblicke in seinen eigenen Arbeitsalltag und die damit verbundene ständige Erreichbarkeit.
Ergänzend wurden gewerkschaftliche Ansätze aus verschiedenen Ländern vorgestellt und miteinander verglichen, wodurch die unterschiedlichen Rahmenbedingungen innerhalb Europas deutlich wurden.
Praxisbezug durch Exkursion nach Aachen
Die ursprünglich geplante Unternehmensbesichtigung musste krankheitsbedingt entfallen und wurde durch eine Exkursion zur „Digital Church“ in Aachen ersetzt.
Dabei handelt es sich um eine ehemalige Kirche, die zu einem modernen Arbeits- und Begegnungsraum für Start-ups und kleinere Unternehmen umgebaut wurde. Besonders interessant war das Konzept für Menschen, die überwiegend im Homeoffice arbeiten: Sie können dort zeitweise einen Arbeitsplatz nutzen und profitieren so von sozialem Austausch und einer klareren Struktur im Arbeitsalltag.
Im Rahmen einer Führung erhielten die Teilnehmenden Einblicke in das Konzept sowie in organisatorische und finanzielle Aspekte. Die anschließenden Gespräche zeigten großes Interesse an solchen hybriden Arbeitsmodellen.
Forschung und europäische Entwicklungen
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der wissenschaftlichen Perspektive. Im Rahmen eines Inputs von Ann-Kathrin Grotenburg (Wissenschaftliche Mitarbeiterin RWTH Aachen) wurden zentrale Modelle und aktuelle Forschungsergebnisse zur mentalen Gesundheit am Arbeitsplatz vorgestellt.
Anhand praxisnaher Beispiele wurde erläutert, wie Stress entsteht und welche Faktoren ihn beeinflussen. Dabei wurde deutlich, dass insbesondere hohe Anforderungen bei gleichzeitig geringer Kontrolle sowie fehlende soziale Unterstützung zu erhöhter Belastung führen können.
Zugleich wurde wissenschaftlich fundiert aufgezeigt, dass ständige Erreichbarkeit und hohe Verfügbarkeitsanforderungen das Stressniveau erhöhen und langfristig gesundheitliche Risiken verstärken können.
Die anschließende Diskussion ermöglichte einen intensiven Austausch, in dem die Teilnehmenden die wissenschaftlichen Erkenntnisse mit ihren eigenen Erfahrungen verknüpften.
Entwicklung von Lösungsansätzen / Forderungen
In der abschließenden Arbeitsphase entwickelten die Teilnehmenden eigene Ideen und Forderungen zur Stärkung der mentalen Gesundheit in der digitalen Arbeitswelt.
Dabei wurde deutlich, dass sowohl individuelle Strategien als auch strukturelle und politische Maßnahmen notwendig sind, um den Herausforderungen der „Always-On“-Kultur nachhaltig zu begegnen.
Beispiele von Forderungen auf persönlicher Ebene:
-klare eigene Grenzen setzen. Zum Beispiel: Arbeitsmails nach Feierabend nicht mehr beantworten (wollen)
-Die Teilnehmenden berichteten, dass es gar nicht unbedingt von Arbeitgeber:innen gefordert wird, ständig erreichbar zu sein, aber das eigene Pflichtbewusstsein dazu führt. Hier wollen einige Teilnehmende bei sich selber mehr Struktur und klarere Grenzen setzen.
-gegen Einsamkeit: aufsuchen von Coworking-Spaces für soziale Kontakte während des Arbeitstages
Beispiele von Forderungen am Arbeitsplatz:
-von Arbeitgeber:innen verlangen, nicht das Privathandy nutzen zu müssen. Hier allerdings waren die Meinungen geteilt –> einige wollen gerne ihr Privathandy nutzen.
-klare Vertretungsstrukturen am Arbeitsplatz schaffen -> bei Krankheit/Urlaub muss es Menschen geben, die Aufgaben übernehmen, und es darf kein Bedarf bestehen, Menschen außerhalb ihrer Arbeitszeit zu kontaktieren
-regelmäßige soziale Events unter Arbeitskolleg:innen, die auch online stattfinden können (digitale Kaffeepause)
-finanzielle Mittel für Coworking-Spaces etc.
Zusammenfassung und Perspektiven
Zum Abschluss reflektierten die Teilnehmenden die Inhalte und den gemeinsamen Arbeitsprozess. Dabei wurde deutlich, dass das Thema für viele eine hohe persönliche Relevanz besitzt und unmittelbar mit ihrer eigenen Lebensrealität verbunden ist.
Besonders positiv hervorgehoben wurde die Vielschichtigkeit des Ansatzes, der persönliche Erfahrungen mit wissenschaftlichen, politischen und praktischen Perspektiven verband und so ein umfassendes Verständnis ermöglichte.
Auffällig war zudem die sehr gute Gruppendynamik während der gesamten Konferenz. Trotz unterschiedlicher Hintergründe entwickelte sich ein intensiver Austausch über Ländergrenzen hinweg, der auch in informellen Situationen fortgeführt wurde und maßgeblich zum Erfolg der Veranstaltung beitrug.
Ausblick
Mehrere Teilnehmende äußerten den Wunsch, sich künftig noch stärker in die Arbeit der EZA-Plattform einzubringen. Besonders erfreulich war, dass einige von ihnen Interesse daran bekundeten, aktiv an der Organisation zukünftiger Konferenzen mitzuwirken.
Die während der Konferenz entwickelten Ideen sowie das gestärkte Netzwerk bilden eine wichtige Grundlage für die weitere Zusammenarbeit und die zukünftige Auseinandersetzung mit dem Thema mentale Gesundheit in der digitalen Arbeitswelt.