Die serbische republikanische Gewerkschaft für Arbeitnehmer:innen in Banken, Versicherungen und anderen Finanzorganisationen (RS BOFOS) organisierte in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Zentrum für Arbeitnehmerfragen (EZA) und finanziert von der Europäischen Union ein Seminar zum Thema: „Die Zeit ist reif: Eine Zukunft gestalten, in der das Geschlecht keine Rolle für die Chancen spielt“, das vom 19. bis 21. Juni 2026 in Kladovo/Serbien stattfand.
An dem Seminar nahmen 52 Vertreter:innen von Arbeitnehmerorganisationen aus Serbien, den Niederlanden, Albanien, Frankreich, Bulgarien, Kroatien, Zypern, Bosnien und Herzegowina, Griechenland, der Türkei, Dänemark, Italien, Slowenien, Polen, Nordmazedonien und Rumänien teil.
Einleitende Vorträge wurden gehalten von Mara Erdelj, Präsidentin von RS BOFOS (Serbien), Joseph Thouvanel, Vize-Präsident des Europäischen Zentrums für Arbeitnehmerfragen (EZA) / CFTC (Confédération Française des Travailleurs Chrétiens) (Frankreich), und Rolf Weber, leitender politischer Berater, World Organization of Workers (WOW).
Das Projekt sollte die Möglichkeit zum Austausch bewährter Methoden im Bereich der Gleichstellung der Geschlechter, zur Erlangung von neuem Wissen und neuen Fertigkeiten von Expert:innen sowie zu deren Anwendung in den Arbeitsumfeldern der Teilnehmer:innen bieten. Während des Seminars erhielten die Teilnehmer:innen Einblicke in den aktuellen Stand der Gleichstellung der Geschlechter und in die Stellung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt in den teilnehmenden Ländern.
Es wurden Erfahrungen zu den zentralen Herausforderungen ausgetauscht, mit denen Frauen in den unterschiedlichen Sektoren, insbesondere im Finanzsektor, konfrontiert sind, und zwar im Hinblick auf Lohngleichheit, Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben, gleiche Beschäftigungschancen und angemessene Arbeitsbedingungen.
Expert:innen aus dem Bereich der Gleichstellung der Geschlechter teilten ihr Wissen und ihre Strategien im Umgang mit diesen Herausforderungen. Ein Erfahrungsaustausch fand darüber hinaus auch in Bezug auf die Überwachung von Tarifverträgen und deren Bestimmungen im Zusammenhang mit der Gleichstellung der Geschlechter am Arbeitsplatz statt.
Frau Ike Wiersinga, Expertin für Tarifverhandlungen bei CNV Netherlands und ehemaliges Vorstandsmitglied und Präsidentin der Frauenabteilung der World Organization of Workers (WOW), referierte während der Podiumsdiskussion I zum Thema „Fahrplan für Frauenrechte: Die Gleichstellung der Geschlechter auf dem europäischen Arbeitsmarkt – Fortschritte und Herausforderungen“.
Frau Dr. Emina Karo, außerordentliche Professorin, Rechtsanwältin und Politikwissenschaftlerin, Gerichtsdolmetscherin für die englische Sprache sowie Beraterin für Arbeitsrecht aus der Türkei und Bosnien und Herzegowina, sprach während der Podiumsdiskussion II zum Thema: „Richtlinie der Europäischen Union zur Lohntransparenz Nr. 2023/970“.
Frau Olga Vučković-Kićanović, akkreditierte Dozentin, Rechtsanwältin und Expertin für Arbeitsrecht, Schiedsgerichtsbarkeit und Mediation sowie Autorin des Kommentars zum Gesetz zur Verhinderung von Missbrauch am Arbeitsplatz, hielt den ersten Workshop zu Stereotypen, Vorurteilen, Traditionen und christlichen Werten sowie deren Auswirkungen auf die Gleichstellung der Geschlechter und die Chancengleichheit. Sie sprach auch darüber, ob die Aufgabe traditioneller Rollenbilder möglicherweise Folgen für Ehe, Familie und Arbeit hat und inwiefern sie sich in unserem Alltag zeigen.
Die Podiumsdiskussion III befasste sich mit dem Thema: „Die Rolle von Tarifverträgen bei der Förderung der Gleichstellung der Geschlechter: Das Verhandeln von Tarifverträgen mit geschlechtsspezifischen Bestimmungen.“
An der Podiumsdiskussion nahmen Dr. Ivica Lazović, Direktorin der Agentur für die friedliche Beilegung von Arbeitskonflikten (RAMRRS), Ike Wiersinga, Expertin für Tarifverhandlungen bei CNV Netherlands und ehemaliges Vorstandsmitglied sowie Präsidentin der Frauenabteilung der World Organisation of Workers (WOW), sowie Herr Nicolae Muresan, Rechtsberater und Vize-Präsident des Nationalen Verbandes der Beamten sowie Mitglied des IFES-Vorstands aus Rumänien, teil.
SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN
Die Seminarteilnehmer:innen kamen zu dem Schluss, dass die Erzielung einer besseren Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben eine der zentralen Voraussetzungen für die Förderung der Gleichstellung der Geschlechter, die Sicherung der Gesundheit von Arbeitnehmer:innen und die Schaffung nachhaltiger Arbeitsumfelder ist. In diesem Prozess spielen Gewerkschaften eine besonders wichtige Rolle. Durch den sozialen Dialog, Tarifverhandlungen, Aufklärung und die Zusammenarbeit mit Arbeitgeber:innen und öffentlichen Einrichtungen können sie zur Schaffung gerechterer Arbeitsbedingungen und einer besseren Vereinbarkeit von beruflichen und familiären Verpflichtungen beitragen.
1. Bekämpfung geschlechtsspezifischer Stereotypen und Förderung einer gleichberechtigteren Verteilung von unbezahlter Hausarbeit
Eine der größten Herausforderungen, die in allen teilnehmenden Ländern festgestellt werden konnte, ist weiterhin das traditionelle Stereotyp, dass unbezahlte Hausarbeit und Familienbetreuung vorwiegend in der Verantwortung von Frauen liegen. Gewerkschaften sollten Aufklärungsmaßnahmen erarbeiten, die darauf abzielen, geschlechtsspezifische Stereotypen in Frage zu stellen und eine gleichberechtigtere Verteilung familiärer Verpflichtungen zu fördern. Zur gleichen Zeit sollten Frauen ermutigt und befähigt werden, ihr Recht auf Zeit für sich selbst, auf Pausen und Selbstfürsorge zu schützen. Dabei sollte hervorgehoben werden, dass Selbstfürsorge kein egoistisches Verhalten, sondern eine Voraussetzung für die Erhaltung von körperlicher und geistiger Gesundheit darstellt. Gewerkschaften werden ermutigt, die Einrichtung psychologischer Unterstützungsleistungen für Arbeitnehmer:innen zu fördern oder, falls die finanziellen Mittel dies nicht zulassen, in Zusammenarbeit mit den Personalabteilungen laufende Schulungsprogramme zu organisieren, die von internationalen Expert:innen durchgeführt werden. Den Arbeitgeber:innen sollte zudem klar gemacht werden, dass Investitionen in das Wohlbefinden von Arbeitnehmer:innen zu weniger Krankentagen, einer höheren Motivation, einer stärkeren Loyalität der Arbeitnehmer:innen und zur Entwicklung eines sozial verantwortlichen Unternehmens-Images beitragen. Im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen werden die Gewerkschaften ermutigt, Diskussionen zur Anerkennung und Wertschätzung von unbezahlter Hausarbeit zu initiieren, und zwar unter Berücksichtigung der bestehenden rechtlichen Lösungen in der Republik Serbien, die als Beispiel für bewährte Methoden für die weitere politische Entwicklung dienen können.
2. Stärkere Unterstützung von Arbeitnehmer:innen während der Schwangerschaft, Elternschaft und bei der Kinderbetreuung
Das unzureichende Verständnis für die Bedürfnisse von Arbeitnehmer:innen während der Schwangerschaft und der frühen Phasen der Elternschaft durch die Arbeitgeber:innen ist nach wie vor ein großes Hindernis für die Erzielung einer gesunden Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben. Durch den sozialen Dialog sollten sich die Gewerkschaften für flexiblere Arbeitsformen einsetzen, darunter auch die Möglichkeit reduzierter Arbeitsstunden mit einer entsprechenden Gehaltsanpassung, wenn dies von den Arbeitnehmer:innen freiwillig akzeptiert wird. Wo auch immer organisatorische Bedingungen dies erlauben, sollten die Arbeitgeber:innen außerdem dazu ermutigt werden, die Bereitstellung von Kinderbetreuungseinrichtungen in größeren Unternehmen in Erwägung zu ziehen, insbesondere für die Zeit direkt nach dem Mutterschutz. Auch Beispiele für bewährte Methoden sollten gefördert werden, um zu zeigen, dass diese Maßnahmen sowohl Arbeitnehmer:innen als auch Arbeitgeber:innen nutzen.
3. Verbesserung der Organisation von Arbeit und Schutz von Arbeitnehmer:innen vor übermäßiger Arbeitsbelastung
Burn-out, übermäßige Überstunden und die Zuweisung von Aufgaben, die über die formal festgelegten Stellenbeschreibungen hinausgehen, sind zunehmend weit verbreitete Probleme, die sowohl Frauen als auch Männer betreffen. Die Gewerkschaften sollten sich aktiv an der Entwicklung und Verbesserung von Systemen zur Stellenklassifizierung beteiligen, um sicherzustellen, dass Stellenbeschreibungen klar und präzise formuliert werden. Jegliche zusätzlichen Aufgaben sollten auf zeitlich begrenzte und gerechtfertigte Tätigkeiten innerhalb des jeweiligen Berufsfeldes der Arbeitnehmer:innen beschränkt sein. Sie sollten darüber hinaus die Umsetzung von Überstundenregelungen überwachen, Mitglieder über ihre gesetzlichen Rechte informieren und sich für die konsequente Anwendung gesetzlich vorgeschriebener Beschränkungen von Überstunden einsetzen. Es werden regelmäßige anonyme Umfragen unter den Arbeitnehmer:innen zur Arbeitszufriedenheit, Organisation von Arbeit, zwischenmenschlichen Beziehungen, Belästigung am Arbeitsplatz und anderen Faktoren, welche die Qualität des Arbeitslebens beeinflussen, empfohlen, um bereits in einer frühen Phase Probleme ermitteln und rechtzeitige Lösungen ermöglichen zu können. Zudem sollte sich der soziale Dialog mit der Regelung von Telearbeit, der Einführung flexibler Arbeitszeiten und der Möglichkeit der Umsetzung einer Viertagewoche in Sektoren, in denen solche Vereinbarungen durchführbar sind, beschäftigen. Zur Stärkung des Schutzes von Arbeitnehmer:innen werden Gewerkschaften ermutigt, über strengere Bestimmungen zur Bekämpfung von Belästigung und Diskriminierung in Tarifverträgen zu verhandeln und Beratungsdienste einzurichten, die ihren Mitgliedern professionelle Unterstützung bieten.
4. Erhöhte Repräsentation von Frauen in Führungs- und Entscheidungspositionen
Die Unterrepräsentation von Frauen in Führungspositionen bleibt trotz umfassender Forschungen, die zeigen, dass Führungsteams mit einer ausgeglichenen Geschlechterverteilung zu besseren Leistungen, mehr Innovationen und einer effektiveren Entscheidungsfindung führen, eine weit verbreitete Herausforderung. Einer der Hauptgründe liegt in der ungleichen Verteilung von familiären Verpflichtungen, was dazu führt, dass Frauen häufigere Fehlzeiten haben und weniger Chancen für eine Beförderung erhalten. Die Gewerkschaften sollten sich mit diesem Problem durch den sozialen Dialog und durch Tarifverhandlungen kontinuierlich befassen und gleichzeitig die Umsetzung gesetzlicher Maßnahmen zur Förderung einer ausgeglichenen Vertretung von Frauen und Männern in Entscheidungsgremien unterstützen. Gleichzeitig sollte in Erwägung gezogen werden, entsprechende Bestimmungen in Tarifverträge aufzunehmen, die mit einem systematischen Ansatz einhergehen, der sich mit den zugrunde liegenden Ursachen für die Ungleichheit im Zusammenhang mit der Vereinbarkeit von Arbeit und familiären Verpflichtungen befasst.
5. Stärkung der Verhandlungskompetenzen von Gewerkschaften zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und fairer Arbeitsbedingungen
Geschlechtsspezifische Lohnunterschiede führen weiterhin in einem großen Maße zur traditionellen Aufteilung von Berufen in „männliche“ und „weibliche“ Tätigkeiten, wobei männlich dominierte Berufe allgemein eine höhere Anerkennung genießen, besser bezahlt sind und bessere Karrierechancen bieten. Die Teilnehmer:innen betonten, dass die Umsetzung der europäischen Richtlinie zur Lohntransparenz wichtige Einblicke in zukünftige politische Entwicklungen liefern wird. Gleichzeitig wurde anerkannt, dass die Wirksamkeit des sozialen Dialogs weitgehend von den Verhandlungskompetenzen der Gewerkschaftsvertreter:innen abhängt. Eine anhaltende berufliche Weiterbildung und Schulungen in Tarifverhandlungen sollten daher weiterhin Priorität haben. Frühere Bildungsmaßnahmen haben gezeigt, dass gut vorbereitete Verhandlungsführer:innen bessere Ergebnisse beim Schutz der Interessen von Arbeitnehmer:innen erzielen. Schließlich kamen die Teilnehmer:innen zu dem Schluss, dass Vorschläge, die aktuell nicht umgesetzt werden können, nicht vollständig aufgegeben werden, sondern durch eine klare Verpflichtung, sie bei Erfüllung der notwendigen Voraussetzungen erneut zu prüfen, Teil der Agenda für den sozialen Dialog bleiben sollten. So wird sichergestellt, dass wertvolle Initiativen auch weiterhin zur zukünftigen politischen Entwicklung und zu Tarifverhandlungen beitragen.