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Care-Arbeit im gesellschaftlichen Fokus

Bei der internationalen Tagung der Plattform IPEO, organisiert vom AFB – Bildungs- und Energieforum in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Zentrum für Arbeitnehmerfragen – EZA und finanziert durch die Europäische Union befassten sich um die 57 Vertreter:innen von Arbeitnehmerorganisationen aus Südtirol/Italien, Deutschland, Belgien, Albanien und Litauen mit dem Thema „Care-Arbeit im gesellschaftlichen Fokus“. Die Tagung fand in der Cusanus Akademie in Brixen (I) am 7. und 8. September 2026 statt.

Für die Care-Arbeit sind in der Sozialpolitik von der EU-Ländern neue Weichen zu stellen, damit die Gesellschaft imstande ist, die wachsenden Herausforderungen in der familiären Betreuungs- und Pflegearbeit zu bewältigen. Kernpunkte sind die sozialrechtliche Absicherung dieser Leistung und neue Modelle, die eine gerechtere Verantwortungsteilung zwischen den Geschlechtern fördern. Länderübergreifend gilt es, in Anlehnung an die 2022 veröffentlichte Care-Strategie der EU die verbreitete Einstellung zu verändern, wonach die familiäre Fürsorgearbeit eine selbstverständliche und unentgeltliche Leistung ist, die rollenmäßig vor allem den Frauen zugeordnet wird. Der Gender Care-Gap erweist sich zunehmend als massiver Belastungsfaktor für Frauen, insbesondere dann, wenn sie sowohl Betreuungsaufgaben für Kinder als auch für ältere pflegebedürftige Angehörige wahrnehmen 

Auf der Tagung belegten Expertinnen anhand statistischer Daten, dass europaweit in den Familien weitestgehend Frauen die familiäre Betreuungsarbeit als gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen und täglich deutlich mehr Zeit hierfür investieren als ihre Partner. Deshalb sind faire Care-Sharing-Modelle zu forcieren, die auf das Prinzip „halbe-halbe“ setzen. Ein Ansatz besteht in der Reduzierung der Arbeitszeit für beide Elternteile in den Lebensabschnitten, wo Fürsorgeaufgaben anfallen. Zudem ist die Aufteilung der Fürsorgearbeit in der Partnerschaft anzusprechen und zu regeln. Es gibt auch Bestrebungen, um ein Diskriminierungsverbot für die familiäre Fürsorgearbeit auf Verfassungsebene zu verankern. Männer sollen künftig nicht nur bei der Kinderbetreuung stärker eingebunden werden, sondern einen Part in der Fürsorgeverantwortung, insbesondere für betreuungsbedürftige Eltern übernehmen. In Zukunft wird nämlich nach wie vor die Betreuung zuhause durch Familienangehörige die häufigste Form der Betreuung bleiben. Dies liegt am Mangel an qualifiziertem externen Betreuungspersonal und an den hohen Kosten der stationären Betreuungsstrukturen. Der Einsatz ausländischer Pflegekräfte verschiebt das absehbare Problem des Pflegenotstands und schafft ein Betreuungsdefizit in ihren Herkunftsländern. Die vielfach nur informell erfolgten Anstellungen gehen zu Lasten der Betreuungsqualität. Umso wichtiger ist es deshalb, die familiäre Fürsorgearbeit gut abzustützen und deren Unterstützung durch professionelle Pflegekräfte sicherzustellen. 

Die 2022 verabschiedete europäische Care-Strategy hat Impulse gesetzt, um die sozialpolitischen Bedingungen für die Betreuungsarbeit auf eine zukunftsweisende Schiene zu setzen. Laut europäischer Säule für soziale Rechte sind die einzelnen Staaten dazu aufgefordert, den Ausbau der frühkindlichen Betreuungsdienste fortzusetzen und den Zugang zu leistbaren und qualitativ hochwertigen Pflegediensten zu gewährleisten. Nach wie vor gehen entsprechende Reformen nur schleppend voran. Die Expertinnen schilderten die aktuelle Situation, wonach Frauen dem gesellschaftlichen Erwartungsdruck entsprechend dazu bereit sind, auf Karrierechancen zu verzichten und ihre berufliche Laufbahn zu unterbrechen, um Betreuungs- und Pflegeaufgaben für Kinder und Familienangehörige zu erfüllen. Zunehmend geraten Frauen ab einem bestimmten Alter in die Zwangslage einer Sandwichposition: Sie sind sowohl für die Betreuung der Enkel im Einsatz als auch für die Umsorgung ihrer nur eingeschränkt selbständigen oder pflegebedürftigen Eltern. Männer nehmen die Verantwortung für die familiäre Fürsorgearbeit nach wie vor unzureichend wahr, wobei zumindest in Bezug auf die Kinderbetreuung ein Paradigmenwechsel feststellbar ist. 

Die Regierungen der einzelnen Länder müssen als Faktum anerkennen, dass es nicht möglich ist, ein auf die Familie gestütztes Betreuungsmodell aufrecht zu erhalten und zugleich eine deutliche Aufstockung der Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt zu erzielen. Anzustreben ist ein integriertes Betreuungssystem, dass sowohl die familiäre Fürsorgearbeit entsprechend in der Sozialversicherung verankert als auch die Unterstützung durch externe Pflegekräfte sicherstellt. Die IPEO-Vertreterinnen richten einen Appell an die Politik, die Signale der Überforderung und der Erschöpfung pflegeleistender Angehöriger nicht länger zu übersehen und Rahmenbedingungen für eine gerechtere Aufteilung der Sorgearbeit zu schaffen. Dafür sind Innovationen in der Arbeitsmarkt-, Sozial- und Familienpolitik notwendig. Insbesondere liegt es an den Gewerkschaften und Arbeitnehmerorganisationen, entsprechende Vorstöße zu unternehmen. Familienpolitische und Elternorganisationen sind dabei wertvolle Stützen. Auf Betriebsebene sind die Spielräume für flexiblere Arbeitszeiten auszuweiten, damit die Stressbelastung der Elternverantwortung vermindert wird. Spiegelbildlich muss eine elternfreundliche Gestaltung der Öffnungszeiten von Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen erwirkt werden. Der Bereich der mobilen und ambulanten Pflegedienste ist auszubauen, wobei auch hier flexible Öffnungsmodelle eine wirksame Entlastung der Angehörigen darstellen. Die Arbeit pflegender Angehöriger muss als solche anerkannt werden, indem sie sozialversicherungsmäßig erfasst wird und Rentenansprüche begründet. Angebracht sind außerdem gezielte Weiterbildungen und Entlastungen zur Vermeidung von pflegebedingtem Burnout. Benötigt wird ein integriertes Pflegekonzept unter Einbeziehung der Familien, der öffentlichen und der professionellen privaten Pflegedienste sowie des ortsgebundenen Volontariats. Es ist Druck auf die Regierungen auszuüben, damit sie neue und wirksame Regeln schaffen, die die gesellschaftliche Wertschätzung der Frauen in der Arbeits- und Sozialgesetzgebung verbessern und den Ausbau der aktiven Sorgearbeit der Männer im Rahmen der Familie bewirken. Es ist zudem anzupeilen, insgesamt die Care-Berufe für Männer attraktiver zu machen und somit in ihrem Selbstverständnis als erfüllende Aufgabe zu verankern.