Die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) Deutschlands veranstaltete gemeinsam mit ihren europäischen Partnerbewegungen KAB Österreich und KVW Südtirol die Europäische FrauenSommerakademie im KönzgenHaus, Haltern am See / Deutschland. Unter dem Titel „Aufrecht statt gerädert – Frauengesundheit im Blick“ bot Veranstaltung, die vom 15. bis 20. Juni 2026 stattfand, Frauen aus Arbeitnehmerorganisationen einen Raum, Frauengesundheit nicht als private, sondern als gesellschaftliche und arbeitspolitische Frage zu bearbeiten. Die Veranstaltung wurde in Zusammenarbeit mit EZA organisiert und finanziert durch die Europäische Union. 30 Vertreterinnen von Arbeitnehmerorganisationen aus Deutschland, Österreich und Südtirol / Italien nahmen teil.
Warum war das Seminar gerade jetzt wichtig? Frauen tragen in Beruf und Sorgearbeit eine systematische Mehrfachbelastung – mit messbaren gesundheitlichen Folgen: höhere psychische Krankheitslast, mehr Krankenstandstage, frühere Erwerbsunfähigkeit. Diese Belastungen entstehen nicht im Privaten, sondern in Arbeitsverhältnissen. Sie gehören damit auf die Tagesordnung des sozialen Dialogs – in Tarifverhandlungen, Betriebsvereinbarungen und die Agenda von Gewerkschaften und Betriebsräten. Das Seminar machte Frauengesundheit als Gegenstand der Aushandlung zwischen Betrieben und Arbeitnehmer:innen-Vertretung sichtbar und stärkte die Teilnehmerinnen darin, in diesen Strukturen Forderungen einzubringen.
Themenfelder und Diskussionen
Das Programm verband persönliche Erfahrung, wissenschaftliche Analyse, sozialethische Reflexion und praktische Erkundung – Kopf, Herz und Körper gleichermaßen:
Körper und Empowerment: Im mehrteiligen Theaterworkshop von Dr. Laura Berkemeyer (Münster) wurde Gesundheit körperlich erfahrbar: Wann sage ich Ja, wann ein klares Nein? Wo setze ich Grenzen? Statt Selbstoptimierung ging es um einen ehrlichen Blick auf die eigenen Ressourcen – und um „heiteres Scheitern“ als Gegenmittel zum Druck, immer funktionieren zu müssen.
Daten, die aufrütteln: Martha Scholz-Resch (Geschäftsführerin des Beruflichen Bildungs- und Rehabilitationszentrums BBRZ, Österreich) zeigte, wie stark die Medizin noch am männlichen Körper ausgerichtet ist: Frauen werden später oder falsch diagnostiziert, sterben häufiger an einem Herzinfarkt als an Brustkrebs und haben fast doppelt so viele Krankenstandstage wegen psychischer Belastungen wie Männer. Fast ein Viertel ihres Lebens verbringen Frauen in eingeschränkter Gesundheit – ein Befund mit unmittelbarer Bedeutung für den Arbeits- und Gesundheitsschutz.
Der unsichtbare Mechanismus: Die Sozialethikerin Dr. Magdalena Holztrattner (Wien) brachte den „Mental Load“ auf den Punkt – die ständige Verantwortung, an alles denken zu müssen. Ihr zentraler Gedanke: Unsere Wirtschaft baut auf unbezahlter, überwiegend weiblicher Sorgearbeit auf, ohne sie mitzuzählen oder ihren Erhalt zu sichern. Erschöpfung ist damit kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem.
Care als Wirtschaftsfrage: Liska Beulshausen (Wirtschaft ist Care e.V., Berlin) belegte mit Zeitverwendungsdaten, wie ungleich unbezahlte Arbeit verteilt ist, und stellte die These in den Raum: Ob es Frauen gesundheitlich gut geht, hängt davon ab, wie eine Gesellschaft Sorgearbeit organisiert. Gesundheit braucht Care – doch Care kann für die, die sie leisten, selbst zum Gesundheitsrisiko werden.
Geschichte, die Mut macht: Das Zeitzeuginnengespräch mit Marianne Kaiser zu den „Heinze-Frauen“ (Gelsenkirchen) führte vor Augen, dass Frauen gleichen Lohn nicht als einzelne Heldinnen, sondern durch gemeinsames Organisieren und den Rückhalt ihrer Gewerkschaft erstritten – 1981 mit Erfolg vor dem Arbeitsgericht. Die Begegnung mit der Essener Sozialistin und Bewegungslehrerin Dore Jacobs, begleitet von Kuratorin Gerburg Fuchs, machte erfahrbar: Körperbildung, soziale Gerechtigkeit und Frauenrechte gehören seit jeher zusammen.
Methodischer Akzent: Graphic Recording
Ein methodisch ungewöhnliches Element war das durchgehende Graphic Recording durch Carolin Moch (Europakoordinatorin der Europäischen CAJ, Brüssel). Sie hielt Diskussionen und Ergebnisse der gesamten Woche zeichnerisch fest und spiegelte sie am Ende als großformatiges Gesamtbild zurück. Das machte abstrakte Zusammenhänge – etwa zwischen Mental Load, Care-Arbeit und gesundheitlicher Belastung – auf einen Blick sichtbar, sicherte die Ergebnisse niedrigschwellig und über Sprachgrenzen hinweg und dient den Teilnehmerinnen zugleich als Transfer- und Verbreitungsmaterial in ihren Organisationen.
Seminarergebnisse und Forderungen
Aus den Diskussionen entstanden konkrete Forderungen – an Politik, Gesundheitssystem und Arbeitswelt: Frauengesundheit als verpflichtender Schwerpunkt in Medizin und Forschung, Lohntransparenz, Pensionssplitting bzw. volle Rentenpunkte für Sorgearbeit sowie gesundheitsförderliche Arbeitszeit- und Betriebsvereinbarungen. Für die eigene Praxis übersetzten die Teilnehmerinnen das in einprägsame Leitsätze – „Mach deine unbezahlte Arbeit sichtbar“, „Wenn du Zeit brauchst, gib Arbeit ab“, „Wenn du deine Situation verbessern möchtest, solidarisiere dich“ –, die deutlich machen: Veränderung gelingt nicht allein, sondern gemeinsam.
Wirkungsorientierung und Evaluation
Die Woche wurde gezielt auf ihre Wirkung hin ausgewertet. In einer moderierten Abschlussreflexion bewerteten die Teilnehmerinnen wirkungsbezogene Aussagen auf einer Zustimmungs-Zielscheibe (von „Ich stimme voll zu“ bis „Ich stimme nicht zu“), darunter:
„Die Sommerakademie war insgesamt für mich wertvoll.“
„Ich sehe meine Gesundheit jetzt stärker als gesellschaftliche, nicht nur private Frage.“
„Ich habe Lust bekommen, die entwickelten Themen und Ideen mit anderen gemeinsam anzugehen.“
„Ich könnte eine konkrete Forderung benennen, für die ich mich stark machen will.“
„Ich traue mir zu, eines unserer Themen in meine Gruppe oder meinen Verband einzubringen.“
„Ich traue mir eher zu, für mich und andere einzutreten und den Mund aufzumachen.“
Die Abfrage ergab ein differenziertes Bild. Besonders hohe Zustimmung erhielten die Aussagen „Die Sommerakademie war insgesamt für mich wertvoll“ und „Ich traue mir eher zu, für mich und andere einzutreten und den Mund aufzumachen“; auch die Lust, die entwickelten Themen gemeinsam weiterzuverfolgen, war deutlich ausgeprägt. Bei anderen Aussagen – etwa der gesellschaftlichen Einordnung von Gesundheit – verteilten sich die Bewertungen breiter, mit etlichen Stimmen in der Mitte. In den Erläuterungen wurde dies nicht als Unentschiedenheit verstanden, sondern als bewusstes Sowohl-als-auch: Gesundheit ist für die Teilnehmerinnen zugleich eine gesellschaftliche und eine persönliche Frage.
Ergänzend hielten die Teilnehmerinnen unter der Leitfrage „Was nehme ich mit – und was mache ich konkret damit?“ ihre Transferabsichten fest: neue Blickwinkel und Energie für die eigene Arbeit, die Einsicht „das kann ich in meine Erwerbsarbeit einfließen lassen“ und – besonders häufig – die Gewissheit, mit anderen engagierten Frauen weiter zusammenarbeiten zu können.
Umsetzung in die tägliche Arbeit
Mehrere Teilnehmerinnen haben sich zusammengeschlossen, um zum Internationalen Aktionstag für Frauengesundheit am 28. Mai 2027 eine gemeinsame Aktion auf Seiten der KAB zu starten; die Planungen haben bereits begonnen. So wirkt das Seminar über die Woche hinaus – in die Arbeitnehmerorganisationen der Teilnehmerinnen und in öffentliche Aktion hinein.