Vom 2. bis 4. Februar 2026 fand in Königswinter, Deutschland, das abschließende Perspektivseminar des EZA-Sonderprojektes für Arbeitnehmerorganisationen in den Beitrittskandidatenländern statt. Es wurde vom Gewerkschaftsbund PODKREPA in Zusammenarbeit mit EZA organisiert und von der Europäischen Union finanziert. 30 Vertreter:innen von Arbeitnehmerorganisationen aus Nordmazedonien, Montenegro, Serbien, Albanien, Bosnien-Herzegowina, Deutschland, Österreich, Kroatien, der Republik Moldau und Bulgarien nahmen am Seminar teil.
Ziel des Seminars
Erfahrungsaustausch zwischen den EU-Mitgliedsstaaten und -Beitrittsländern zur Verbesserung des sozialen Dialogs auf verschiedenen Ebenen;
Ermittlung des Bedarfs für den Kompetenzaufbau bei Arbeitnehmerorganisationen zur Entwicklung umsetzbarer Strukturen und Methoden für den sozialen Dialog;
Vermittlung von Wissen zu europäischen Werten und zum europäischen Sozialmodell;
Stärkung des Bewusstseins für Verhaltensansätze zur Verbesserung der Sozialpartnerschaft in den EU-Beitrittsländern.
Beschreibung des Seminars
Am ersten Tag wurden drei Themen-Workshops organisiert, die die folgenden Schwerpunkte hatten:
Erfassung der Situation: Herausforderungen und Stärken der Arbeitnehmerorganisationen in den Beitrittsländern;
Ermittlung des Bedarfs an Programmen und Schulungen im Bereich des Kompetenzaufbaus;
Festlegung, inwiefern das EZA die Arbeitnehmerorganisationen unterstützen kann, von deren Bedarf bis hin zu konkreten Vorschlägen.
Mit der Unterstützung einer professionellen Vermittlerin arbeiteten die Teilnehmer:innen gemeinsam sechs zentrale Themen heraus, in denen der Bedarf für den Kompetenzaufbau am dringendsten ist. Dazu gehören:
wie man Organisationen beim Umgang mit digitalen Technologien und KI unterstützen kann;
Bekämpfung von Mobbing und Stärkung der Integrität;
Steigerung der Mitgliederzahl in den Gewerkschaften;
Verbesserung des öffentlichen Bildes von Gewerkschaften;
Einbindung junger Menschen;
Stärkung von Verhandlungskompetenzen.
Diese Themen werden als Grundlage für die weitere Entwicklung und Gestaltung des Sonderprojektes für Arbeitnehmerorganisationen in den EU-Beitrittsländern dienen.
Am zweiten Tag befassten sich zwei Podiumsdiskussionen mit den folgenden zentralen Themen:
aktueller Stand der EU-Integration und von Kapitel 19 in den Beitrittsländern;
neuer Wachstumsplan für den Westbalkan und seine Auswirkungen für Arbeitnehmer:innen und Gewerkschaften.
Die zentralen Ideen
Die EU-Beitrittsländer stehen vor strukturellen Herausforderungen im Zusammenhang mit politischer Instabilität, Korruption und Problemen bei der Angleichung an die EU-Errungenschaften und -Werte. Diese Herausforderungen haben direkte Folgen für die Arbeitsmärkte, Arbeitsbedingungen und die Fähigkeit der Gewerkschaften, effektiver zu agieren.
Die Gewerkschaften in den Beitrittsländern sehen sich mit einer abnehmenden Mitgliederzahl, begrenzter Tarifverhandlungsmacht, Kommunikationsproblemen und unzureichenden Ressourcen konfrontiert. Diese Probleme verstärken sich noch durch den raschen Wandel auf dem Arbeitsmarkt, der durch die Digitalisierung und den Übergang zu einer grünen Wirtschaft angetrieben wird. Infolgedessen bleiben der soziale Dialog und Tarifverhandlungen insbesondere auf sektorieller Ebene schwach oder rein formal.
Organisatorische Reformen sind notwendig, da traditionelle Gewerkschaftsstrukturen nicht mehr vollständig an die modernen und flexiblen Arbeitsformen angepasst sind. Die Gewerkschaften müssen neue organisatorische Modelle entwickeln, innovative Ansätze einführen und die Einbindung junger und digitaler Arbeitnehmer:innen stärken.
Tarifverhandlungen bleiben ein zentrales Instrument zur Sicherstellung qualitativ hochwertiger Arbeitsplätze und fairer Löhne. Allerdings erfordern neue Herausforderungen wie der ökologische und technologische Wandel bessere analytische Kompetenzen und Verhandlungsstrategien.
Die öffentliche Wahrnehmung der Gewerkschaften fällt gemischt und häufig negativ aus, was ihren Einfluss begrenzt. Eine Verbesserung der Kommunikationsstrategien, einschließlich der Nutzung digitaler Hilfsmittel und der sozialen Medien, ist für die Stärkung der Sichtbarkeit und den Wiederaufbau von Vertrauen unerlässlich.
Schlussfolgerungen und Empfehlungen
Die Zivilgesellschaft in den EU-Beitrittsländern ist nach wie vor zersplittert, mit einem geringen Maß an zivilem Engagement und Vertrauen. In diesem Kontext stehen die Gewerkschaften vor Schwierigkeiten bei der Förderung von EU-Werten und ihrer Arbeit als wirksame Sozialpartner.
Die Gewerkschaften müssen flexibler und kommunikativer werden und sich durch Netzwerke besser untereinander vernetzen. Die Stärkung der organisatorischen Kompetenz und die Annahme moderner Kommunikationsstrategien gehören zu den wichtigsten Prioritäten.
Eine strategische Organisation ist unerlässlich, um etwas gegen die abnehmende Mitgliederzahl zu unternehmen und eine langfristige Nachhaltigkeit sicherstellen zu können. Dazu gehören auch die strukturierte Einbindung von Arbeitnehmer:innen, bessere Kampagnenkompetenzen und die Erarbeitung klarer und zielgerichteter Botschaften.
Die Bemühungen zum Kompetenzaufbau sollten sich fokussieren auf:
die Verbesserung der Organisationsstrategien und der Strategien zur Gewinnung neuer Mitglieder;
die Stärkung der Kompetenzen im Bereich der Tarifverhandlungen;
die Förderung des digitalen Wandels innerhalb der Gewerkschaften.
Kommunikation spielt bei der Prägung der öffentlichen Wahrnehmung und der Gewinnung neuer Mitglieder, insbesondere junger Arbeitnehmer:innen, eine zentrale Rolle. Daher sind Investitionen in Kommunikationsfertigkeiten, -hilfsmittel und -schulungen für die weitere Entwicklung der Gewerkschaften in den EU-Beitrittsländern entscheidend.