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Leeres und älter werdendes Europa: Welche Beschäftigungsmöglichkeiten brauchen junge Menschen, um die Dörfer nicht zu verlassen? - Teil 1

Vom 20. bis zum 23. Oktober 2025 fand in Santiago de Compostela, Spanien, ein Seminar zum Thema „Leeres und älter werdendes Europa: Welche Beschäftigungsmöglichkeiten brauchen junge Menschen, um die Dörfer nicht zu verlassen?“ (1. Teil) statt, das von USO – CCFAS (Unión Sindical Obrera – Centro Confederal de Formación y Acción Social) in Kooperation mit MCL / EFAL (Movimento Cristiano Lavoratori / Ente Nazionale per la Formazione e l'Addestramento dei Lavoratori) mit Unterstützung des EZA organisiert und von der Europäischen Union finanziert wurde.

Ohne Arbeit keine Zukunft. Ohne Bildung keine Zukunft. Ohne Jugend keine Zukunft. Nach einer Analyse der Hauptursachen des Bevölkerungsrückgangs im ländlichen Raum und der Rolle der Frauen im Kontext der Bevölkerungsstabilisierung haben wir unser Augenmerk auf die Jugend gerichtet und uns die Frage gestellt, weshalb sie freiwillig oder unfreiwillig ihr Heimatdorf verlässt und nicht zurückkehren kann oder will. 

Europa: Das ist die Alte Welt mit einer alternden Bevölkerung. Das Durchschnittsalter steigt stetig an und durch Zuwanderung allein kann die Überalterung nicht gestoppt werden. Durch einen fortdauernden Geburtenrückgang verschlechtert sich die Bevölkerungsentwicklung schier unaufhaltsam. Allen hier vertretenen Ländern ist das Problem gemeinsam: Mancher Küstenregion und Hauptstadt im Binnenland mit mehr Dynamik stehen weite Landstriche und bevölkerungsarme Gebirgsregionen gegenüber. 

Der demografische Winter ist ein weltweites Phänomen. Maßnahmen sind daher global zu denken und müssen zur Gegensteuerung auf einer regionalen und multifaktoriellen Strategie beruhen. Diesen Maßnahmen waren die Seminartage gewidmet. 

In den Blick genommen wurde zunächst das, was der Abwanderung junger Menschen einen ersten Schub verleiht: die fehlenden Ausbildungsmöglichkeiten. 

Im Fokus der verschiedenen Module stand die Forderung nach einer Berufsausbildung, die eine sichere Beschäftigung gewährleistet und sich an die jeweiligen ländlichen Gegebenheiten anpassen lässt. Es kann nicht in jedem Dorf eine Universität oder Hochschule geben. Vielmehr sind Ausbildungsmöglichkeiten für alle zu schaffen, die, vor die Wahl gestellt, lieber in ihrem Heimatdorf bleiben würden. Wer sein Heimatdorf um der Ausbildung willen verlässt, erlernt in der Regel einen Beruf, in dem der oder die Rückkehrwillige im Heimatdorf keine Arbeit finden würde. 

Alle teilnehmenden Länder setzen vermehrt auf die Berufsausbildung, wobei sie das duale Modell favorisieren. Lernen und gleichzeitig in den lokalen Arbeitsmarkt hineinwachsen: Die duale Ausbildung erweist sich als erfolgreich, auch wenn sie das Problem nicht alleine lösen kann. 

Die Entvölkerung und die Überalterung sind keine neue Entwicklung. Diese hat vielmehr vor Jahrzehnten bereits eingesetzt und bislang gibt es noch keine Gegenstrategie, sondern nur punktuelle politische Maßnahmen. 

Viele Probleme des ländlichen Raums finden sich auch in der Stadt, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie in der Weite des ländlichen Raums. Die steigende Wohnungsnot ist auf dem Land, wo es kaum ein Angebot für Wohnungssuchende gibt, noch viel größer. 

Soziale Dienste, die auch in der Stadt unzureichend sind, sind auf dem Land erst recht Mangelware. Die Kosten je Landbewohner:in werden als eine hohe Ausgabe angesehen, wobei jedoch nicht berücksichtigt wird, dass der gesellschaftliche Wert, den der Verbleib von 5, 10 oder 20 Bewohner:innen hat, in einer entvölkerten Region sehr viel höher ist als in einer Stadt. 

Soziale Dienste sichern den Verbleib und schaffen in begrenztem Umfang neue Arbeitsplätze in der Betreuung, in der Gesundheitsversorgung, im Gastgewerbe, in Sozialzentren und Bildungseinrichtungen. 

Darüber hinaus bietet der ländliche Raum die ihm eigenen Erwerbsmöglichkeiten wie Land- und Viehwirtschaft, Forstwirtschaft, Handwerk, Tourismus, Volkskunde und Energieerzeugung, die den jungen Menschen aber zumeist nicht attraktiv erscheinen. Sie werden aber gebraucht, damit sie als Kulturträger:innen das Dorf und seine Traditionen am Leben erhalten. 

Dass Bevölkerungspolitik und Einwanderungspolitik Hand in Hand gehen müssen, daran wurde in vielen Referaten kein Zweifel gelassen. Vor allem aber müssen Maßnahmen zur Bekämpfung des Bevölkerungsrückgangs vom ländlichen Raum selbst ausgehen und nicht von den urbanen Zentren. 

Die Schlussfolgerungen aus diesem Seminar sind:

  • Die demografische Herausforderung ist ein globales Problem und erfordert anstelle von Einzellösungen eine Gesamtstrategie, die über nationale Grenzen hinausreicht. 

  • Diese politischen Maßnahmen und Lösungen dürfen nicht von den großen Städten oder Entscheidungszentren ohne Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten auferlegt oder vorgeschlagen werden. Diese Maßnahmen dürfen sich nur in eine Richtung entwickeln: von unten nach oben. Sie müssen von den Dörfern ausgehen, um erst in einem zweiten Schritt von regionalen, nationalen oder europäischen Institutionen koordiniert zu werden. 

  • Es muss einen gesellschaftlichen Wandel und ein Umdenken geben. Daran müssen wir arbeiten. Das Dorf darf keine Sackgasse sein, sondern ein tragfähiges Lebensmodell gleich allen anderen. Mit Bildungs- und Ausbildungsangeboten und erschwinglichen Wohnungen muss den Menschen das Leben auf dem Land erleichtert werden. 

  • Sozialpolitische Maßnahmen sind im ländlichen Raum auf die Bevölkerung umgerechnet teurer und doch sind sie kein bloßer Mittelabfluss, sondern eine Investition. 

  • Beispiele hierfür: die Betreuung von Senior:innen und Kindern für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Schulen und Gesundheitsversorgung. An eine Dorfschule können nicht die quantitativen Maßstäbe angelegt werden, die für städtische Bildungseinrichtungen gelten. Grundschulen, weiterführende Schulen und Berufsschulen sind unverzichtbare Voraussetzungen, damit junge Menschen im Dorf bleiben und Berufstätige zurückkehren, wenn sie für sich und ihre Kinder eine Zukunft auf dem Land sehen. 

Die Teilnehmer:innen dieses Seminars sind abschließend übereingekommen, diese konkreten Vorschläge zusammenzustellen, um sie durch die Jugendvertreter:innen an die politischen Entscheidungsträger:innen der verschiedenen Gebietskörperschaften heranzutragen.