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Herausforderungen für die Schulen von morgen

Vom 9. bis 11. Oktober 2025 fand in Warschau ein Seminar der Arbeitsgruppe der EZA-Bildungsplattform zum Thema „Herausforderungen für die Schulen von morgen“ statt, das sich dem sozialen Dialog im Bereich der Bildung und den Herausforderungen der Schule der Zukunft widmete. An der Sitzung nahmen 34 Vertreter:innen von Arbeitnehmerorganisationen teil und sie wurde von KK NSZZ „Solidarność“ (Komisja Krajowa NSZZ „Solidarność“) in Zusammenarbeit mit EZA organisiert und von der Europäischen Union finanziert.

Die Sitzung wurde von Jerzy Jaworski, stellvertretender Vorsitzender der Nationalen Gewerkschaft unabhängiger Arbeitnehmer:innen „Solidarność” (KK NSZZ Solidarność), eröffnet, der die Teilnehmer:innen begrüßte und betonte, wie wichtig und notwendig es ist, angesichts neuer sozialer, demografischer und ideologischer Herausforderungen über die notwendigen Veränderungen im Bereich der Bildung zu sprechen.

Anschließend wurden die Teilnehmer:innen von Dr. Waldemar Jakubowski, Vorsitzender der Nationalen Sektion für Wissenschaft und Bildung von NSZZ Solidarność, willkommen geheißen, der auf Veränderungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung, der Abhängigkeit von sozialen Medien und den negativen Folgen wie Konzentrationsmangel hinwies, die das Niveau im Unterricht sinken lassen. Darüber hinaus herrscht ein Arbeitskräftemangel, insbesondere in der Baubranche, aber auch bei Lehrkräften. Er bezog sich auch auf ein in Polen heiß diskutiertes Thema, nämlich die Einführung des Wahlfaches „Gesundheitserziehung“, das aufgrund seiner ideologischen Natur umstritten ist. Er hob hervor, dass gleichzeitig die Unterrichtsstunden in den Fächern Religion und Ethik reduziert werden sollen, was christliche Werte schwächt, und rief dazu auf, die Situation in den anderen auf der Sitzung vertretenen EU-Ländern vorzustellen. Anschließend begrüßte auch die Moderatorin der Sitzung, Elzbieta Wielg, Expertin von KK NSZZ „Solidarność“, die Teilnehmer:innen und stellte das Thema und die Tagesordnung der Sitzung vor. 

Der erste Vortrag wurde von Adrian Jimenez, Sekretär der Federación de Enseñanza de la Unión Sindical Obrera (FEUSO) aus Spanien, gehalten, wo die Vision für die Schule der Zukunft auf den folgenden Merkmalen basiert: 1. inklusive, qualitativ hochwertige Bildung, 2. Mobilität der Schüler:innen, die den Kultur- und Wissensaustausch zwischen den europäischen Ländern fördert, 3. Entwicklung digitaler Kompetenzen und 4. lebenslanges Lernen. Das spanische Bildungssystem hat hinsichtlich der Leistungen der Schüler:innen und der Erstellung von Lehrplänen bedeutende Fortschritte gemacht. Es gibt jedoch noch Herausforderungen im Bereich des gleichberechtigten Zugangs zu Bildung und der Sicherstellung der Inklusion aller Schüler:innen. Weiterbildungen helfen Lehrkräften dabei, über die neuesten Bildungsstrategien und die Nutzung von Technologie auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Die berufliche Weiterentwicklung ermöglicht es den Lehrkräften, digitale Hilfsmittel souverän einzusetzen, um den Unterricht im Klassenzimmer verbessern zu können. Er machte begrenzte finanzielle Mittel als eines der Hauptprobleme aus, das Investitionen in zentralen Bereichen wie der Infrastruktur, Technologie und Bildung einschränkt. Dies behindert das Wirtschaftswachstum und wirkt sich auf die Modernisierung der Technologie und die Ausbildung von Lehrkräften aus, was für einen Wandel im Bereich der Bildung entscheidend ist. In den einzelnen Regionen bestehen große Unterschiede beim Zugang zu Internet und Technologie, was Einfluss auf die Möglichkeiten vieler Menschen hat. 

Der zweite Vortrag wurde von Prof. Amelia Mestre, Exekutivsekretärin der Federação dos Trabalhadores Democrata-Cristãos (FTDC) aus Portugal, gehalten. Für Portugal besteht die zentrale Herausforderung darin, ein Bildungssystem aufzubauen, das für die Zukunft gewappnet ist. Als Teil der strategischen Vision des europäischen Bildungsraumes hat das Land bedeutende Fortschritte gemacht. Dazu gehören auch ein drastischer Rückgang des Anteils von Schulabbrecher:innen sowie das gute Abschneiden der Schüler:innen in internationalen Rankings. Diese Fortschritte werden jedoch von erheblichen strukturellen Hürden gebremst: eine Krise im Lehrberuf, Arbeitskräftemangel, der chronischen Unterfinanzierung der Integration und der Modernisierung der Infrastruktur sowie einer beispiellosen demografischen Herausforderung im Zusammenhang mit der Integration einer Rekordzahl an zugewanderten Schüler:innen. Neben ihren Verhandlungstätigkeiten gehören die Gewerkschaften zu den größten Anbietern von lebenslangem Lernen für Lehrkräfte. In zu den Gewerkschaften gehörenden Schulungszentren, die vom wissenschaftlichen und pädagogischen Beirat für Weiterbildung akkreditiert sind, werden jedes Jahr Tausende von Lehrkräften in unterschiedlichen Bereichen geschult, von digitalen Kompetenzen bis hin zu inklusiver Bildung, was sich direkt auf die Qualität der Lehrmethoden auswirkt. Es herrscht ein Mangel an Sonderschullehrkräften, obwohl diese auf jeder Bildungsstufe tätig sind.

Anschließend stellte Yulian Petrov, Präsident der Gewerkschaft „Bildung“ (SEP) in der Podkrepa Confederation of Labour, die Grundsätze der Schule der Zukunft in Bulgarien vor. Die Grundlage bilden technologische Integration, personalisiertes Lernen, ein neues unterstützendes Umfeld wie Zentren für MINT-Zentren (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) und eine Veränderung im Verwaltungsmodell der Bildung. Er wies zudem auf zahlreiche Herausforderungen hin, darunter eine wahrgenommene Untergrabung der Autorität von Lehrkräften und umfassendere gesellschaftliche Entwicklungen, die sich auf die Werte und Bildung auswirken.  Er betonte die wichtige Rolle von Eltern und stellte fest, dass sich die Werte junger Menschen verändern, was einer der Gründe dafür ist, dass das Fach „Werte und Religion“ eingeführt wurde. Von den Lehrkräften wird auch erwartet, dass sie dazu beitragen, den Charakter zu prägen und geeignete Werte zu vermitteln. In Bulgarien werden die Lehrkräfte dazu ermutigt, mit moderner Technologie und künstlicher Intelligenz zu arbeiten. Allerdings herrscht, wie in vielen anderen Ländern auch, ein Mangel an Lehrkräften. In einigen Fällen müssen diese sogar bis zum Alter von 70 Jahren arbeiten.

 Der nächste Tag startete mit Dr. Maciej Jakubowski, Direktor des Instituts für Bildungsforschung – Staatliches Forschungsinstitut aus Polen, der einen Vortrag über die vorgeschlagenen Änderungen am Kernlehrplan für Kindergärten und Grundschulen hielt. Die Erarbeitung eines neuen Kernlehrplanes hing mit der Coronapandemie zusammen, als die Schulen mehr als 26 Wochen lang geschlossen waren. Diese Kernlehrpläne sind evolutionär, nicht revolutionär. Es werden Schulungen für Lehrkräfte und Unterstützung für Schulen in diesem Bereich angeboten. Der Fokus wird dabei auf das sogenannte „Deep Learning“ (dt.: tiefes Lernen) und auf die Fähigkeit gelegt, reale Probleme zu lösen, auch außerhalb der Schule. Für jedes Fach wurden 22 Kernlehrpläne erstellt, an denen 200 Autor:innen und 90 Gutachter:innen gearbeitet haben. Der Fokus wurde auf grundlegende Kompetenzen gelegt, d. h. sprachliche, mathematische, motorische und digitale Kompetenzen, sowie auf übergreifende Kompetenzen, darunter kognitive, soziale und persönliche Kompetenzen, d. h. kritisches Denken und Problemlösungen. Großer Wert wird auch auf Eigeninitiative gelegt, d.  h. auf die Fähigkeit, Maßnahmen zu ergreifen und dafür Verantwortung zu übernehmen, da dies derzeit fehlt. Die Schule der Zukunft ist keine Schule, in der die Computer für die Schüler:innen das Denken übernehmen. Auch Lehrkräfte werden weiterhin benötigt werden, und das Online-Lernen gilt als weniger effektiv als Präsenzunterricht. Nach Ansicht des Referenten sind wissenschaftliche Forschung und Bildungsindikatoren zur Messung von Lernergebnissen wie PISA wichtig, um einen Bezugspunkt zu haben. Auch wenn diese Vorgaben in Polen erfüllt werden, reichen sie nicht aus, um zu dem Schluss zu kommen, dass Bildung vollumfänglich wirkt und nicht nur erzieherisch ist.

Anschließend hielt Andrzej Danilkiewicz, Präsident der polnischen Digitalgesellschaft, über die Plattform Zoom einen Vortrag. Er sprach über zwei Projekte: die industrielle Ausbildung und die polnische Agenda für digitale Widerstandsfähigkeit 2040. Er stellte Forschungsergebnisse vor, die zeigen, dass in den nächsten 25 Jahren etwa 40 % der Arbeitsplätze infolge der Digitalisierung und Robotisierung wegfallen werden. Ein Projekt konzentriert sich auf die Anpassung von Studienfächern an die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes und an Schwerpunktbereiche. Dabei wird untersucht, welche Leistungen und Berufe von der Allgemeinbevölkerung nicht gebraucht werden und bei welchen es keinen Sinn macht, spezifische Klassen oder Studiengänge einzurichten. Es wird auch untersucht, welche davon stark nachgefragt sind. Das zweite Projekt soll zeigen, wie sich der Markt für Bildungsleistungen bis 2040 infolge von IT-Aktivitäten verändern wird. Dabei wird auf das Problem der psychischen Gesundheit bei Kindern und auf die Abnahme sozialer Beziehungen hingewiesen sowie eine Rückkehr zu einem Meister-Lehrling-Konzept vorgeschlagen. Es zeichnet sich langsam der Trend ab, Geisteswissenschaften aus dem Lehrplan zu streichen und sie auf die Sekundarstufe zu verlagern. Es wird auch auf Veränderungen im Bildungswesen hin zur Suche und Ermittlung von Talenten hingewiesen. Das vom Referenten vorgestellte Konzept der „Gewerkschaften 2.0“ besteht darin, zu handeln, bevor überhaupt ein Problem entsteht, d. h. die eigenen Ideen vorzustellen, bevor ein Problem auftritt, und nicht erst nachträglich zu handeln. 

Der nächste Referent war Ismail Varoshi, Berufsausbilder bei der Unabhängigen Albanischen Gewerkschaft für Ernährung, Landwirtschaft, Handel und Tourismus (SAUATT) in Albanien. Als Beitrittsland hat Albanien Schritte unternommen, um seine Gesetzgebung an die EU-Anforderungen anzupassen. Allerdings sind die Schulen weiterhin unterfinanziert, und es herrscht ein Mangel an Personal und Ausstattung. Traditionelle Lehrmethoden herrschen vor, und es gibt bedeutende Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Regionen, mit einem Mangel an modernen digitalen Lösungen im Bildungswesen. Die Kompetenzstandards in den weiterführenden Schulen entsprechen nach wie vor nicht den EU-Anforderungen. Die Bildungsreform soll diese Tendenzen durch die Entwicklung von Erasmus+-Programmen umkehren. Ein weiteres Problem sind die mangelnde Anpassung der Bildung an die Arbeitsmarktanforderungen und der Mangel an Forschungsmitteln. Es besteht Bedarf an mehr öffentlichen Mitteln, verpflichtenden Praktika und internationalen Partnerschaften wie Horizon Europe. Dafür muss die Qualitätskontrolle gestärkt werden. Das neue Hochschulgesetz soll die Konsistenz mit EU-Bildungsstandards sicherstellen. Es wurde ein neuer Nationaler Qualifikationsrahmen (NQR) geschaffen, durch den Abschlüsse in ganz Europa anerkannt werden. 

Vertreter:innen aus Serbien sprachen über das Bildungswesen in ihrem Land und hoben dabei den starken Fokus auf Digitalisierung, digitale Kompetenzen und den internationalen Austausch von Lehrkräften hervor. Als EU-Beitrittsland nimmt Serbien an europäischen Initiativen teil, die die nationale Gesetzgebung an die EU-Gesetzgebung angleichen sollen, wie z. B. Erasmus+. An den Schulen stellen Mobbing und sogar Gewalt unter Verwendung gefährlicher Gegenstände ein Problem dar. Es mangelt zudem an Respekt gegenüber den Lehrkräften und zudem nimmt ihre Autorität ab. Diese Angelegenheit wurde weiter diskutiert und als Problem für alle an der Sitzung teilnehmenden Länder bestätigt. In Italien ist es verboten, Mobiltelefone mit in die Schule zu bringen, was sowohl für Schüler:innen als auch für Lehrkräfte gilt. Darüber hinaus gibt es Vorschriften für angemessene Kleidung für Schüler:innen. Die finanziellen Mittel aus dem nationalen Konjunkturprogramm wurden hauptsächlich für Schulrenovierungen bereitgestellt. Es folgten eine Diskussion und ein Erfahrungsaustausch zu Themen wie der sinkenden Zahl von Schüler:innen aufgrund des demografischen Wandels und der abnehmenden Autorität der Lehrkräfte. Übermäßige Bürokratie, niedrige Gehälter und Arbeitsplatzunsicherheit sind für Lehrkräfte nicht gerade ein Anreiz, den Lehrberuf zu ergreifen. Auch andere Probleme und deren mögliche systematische Lösungen wurden besprochen.

Der letzte Tag begann mit der Prüfung von Maßnahmen, die Gewerkschaften in Zukunft auf verschiedenen Ebenen ergreifen könnten, insbesondere in Bezug auf Investitionen und höhere Ausgaben im Bildungswesen. Dies hängt mit der allgemeinen Strategie für wirtschaftliche Entwicklung des Landes zusammen. Es wurde über Themen für die Arbeit der EZA-Bildungsplattform in den kommenden Jahren gesprochen. Als Thema für 2026 wurde die Rolle der Migration und der Integration von Migrant:innen in das Bildungswesen ausgewählt. Ende Mai werden in Italien und Polen zwei Sitzungen im Zusammenhang mit der EZA-Migrationsplattform stattfinden. Es wurde vereinbart, dass Vertreter:innen aus Italien, Spanien, Polen und Griechenland zum nächsten Seminar eingeladen werden sollen. Für 2027 wurden die Rolle des sozialen Dialogs bei Gehaltsverhandlungen von Lehrkräften und ein gründlicher Blick auf inklusive Bildung und Sonderpädagogik vorgeschlagen. Die von den Teilnehmer:innen eingereichten Vorschläge für Themen, Fragen und Themenbereiche wurden zusammengefasst, und die Sitzung wurde geschlossen.