Zum Thema „Die Arbeitswelt in Zeiten radikaler Veränderungen – Gewerkschaftsprioritäten für sozialen Fortschritt“ fand vom 4. bis 7. März 2026 ein Seminar in Sofia / Bulgarien statt, organisiert von NBH (Nell-Breuning-Haus), in Zusammenarbeit mit Podkrepa und mit Unterstützung von EZA sowie finanziert von der Europäischen Union. 45 Vertreter:innen von Arbeitnehmerorganisationen aus Belgien, Deutschland, Österreich, Rumänien, Bulgarien nahmen an der Veranstaltung teil.
Ziele des Seminars
- Verbesserung der Fähigkeiten der teilnehmenden Gewerkschaftsführenden und Fachleuten
- die wichtigsten Triebkräfte des Wandels (Digitalisierung, KI, Dekarbonisierung, Demografie, geopolitische Entwicklungen, Nationalismus und Rechtspopulismus) analysieren zu können;
- die daraus resultierenden Herausforderungen für Arbeitnehmende und Gewerkschaften kritisch zu reflektieren;
- Prioritäten für einen sozial gerechten Wandel klar zu identifizieren, wie Mitbestimmung, Weiterbildung, faire Übergänge und den Schutz der Arbeitnehmerrechte;
- Strategien zu entwickeln, wie Gewerkschaften gesellschaftspolitische Impulse setzen und den Wandel aktiv gestalten können;
- den transnationalen Austausch im europäischen Kontext zu stärken und gemeinsame Perspektiven für den sozialen Fortschritt zu entwickeln.
In diesem Zusammenhang war es das Ziel des Seminars, die Auswirkungen der wirtschaftlichen, technologischen und ökologischen Veränderungen auf die Arbeitswelt zu untersuchen, die neuen Unsicherheiten, aber auch Chancen für die arbeitende Bevölkerung mit sich bringen.
Beschreibung des Seminars
Das Arbeitsprogramm gliederte sich in nationale Beiträge, Expertenvorträge, Diskussionsforen, einem thematischen Besuch und eine Abschlusssitzung.
Die Veranstaltung begann in Sofia mit einer Begrüßungs- und Einführungsrunde mit wichtigen politischen Botschaften.
Nach der Eröffnung wurde das Seminar mit nationalen Beiträgen zu den aktuellen Herausforderungen und der Zukunft der Gewerkschaftsbewegung und der Sozialpolitik im Allgemeinen fortgesetzt.
Auf die nationalen Beiträge folgten Präsentationen zu folgenden Themen:
Digitalisierung und KI: Umgestaltung der Arbeit und neue Machtasymmetrien;
Sozioökonomische Ungleichheit und Armut trotz Erwerbstätigkeit: Ursachen, Trends und politische Optionen
Die Aktivitäten dieses Tages endeten mit individuellen Beiträgen von Gewerkschaftsführenden und Fachleuten zur Politik der Arbeitnehmerorganisationen in Zeiten radikaler Veränderungen.
Am Tag danach begann die Arbeit in Veliko Tarnovo mit einer Podiumsdiskussion zum Thema „Sicherheit und Arbeitsmarkt – Risiken für Arbeitnehmende“, bei der regionale Gewerkschaftsführende und Fachleute der Stadtverwaltung und der Regionalverwaltung ihre Standpunkte austauschen.
Auf die Podiumsdiskussion folgte eine wichtige politische Stellungnahme zu den geopolitischen Veränderungen und deren Auswirkungen auf die Sozialpolitik.
Nachfolgend richtete sich die Aufmerksamkeit auf die nahe Zukunft und die Rolle der Arbeit in Zeiten des Wandels. Bei einem Treffen mit Lehrkräften und Studierenden der Universität Veliko Tarnovo wurde die Sichtweise der Wissenschaftler:innen auf die wichtigsten Trends des Wandels in der Arbeitswelt vorgestellt. Darüber hinaus diskutierten Lehrkräfte, Studierende und Gewerkschafter:innen die drängendsten Themen, wie:
- die Herausforderungen, denen junge Menschen bei ihrer Integration in den Arbeitsmarkt gegenüberstehen;
- die Rolle der Hochschulbildung bei der Vorbereitung der Arbeitskräfte auf die Zukunft;
- die berufliche Entwicklung und mögliche berufliche Muster für junge Arbeitnehmende;
Der folgende Tag begann mit einem thematischen Besuch in Grabovo, wo uns die regionalen und lokalen Gewerkschafter:innen mit Vertretenden der Regionalverwaltung die enormen Herausforderungen an diesem Industriestandort zeigen konnten – Abwanderung von Industrie und Mensch war hier eindrucksvoll im Stadtbild zu erkennen. Die Stadt hatte 2007 noch 67.012 Einwohner:innen – heute sind es nur noch knapp 40.000 und es droht der weitere Verfall, wenn keine alternativen Arbeitsplätze abseits der Textilindustrie (Beinamen der Stadt war „Bulgarisches Manchester“) entstehen.
Die Veranstaltung wurde fortgeführt mit einem weiteren Fachbeitrag des ÖGB, der noch einmal die besondere Bedeutung des Zusammenspiels von Sozialpolitik und gewerkschaftlicher Arbeit im sozialen Dialog darstellten und endete mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Themen, die während dieser intensiven und dynamischen Tage angesprochen wurden, sowie mit den Schlussfolgerungen aus den Beiträgen der Experten und den Diskussionen.
Kernideen
Die Gewerkschaften sehen sich mit einer Reihe von Krisen konfrontiert, die von wirtschaftlichen Abschwüngen über geopolitische Instabilität bis hin zum digitalen Wandel und klimatischen Herausforderungen reichen. Der digitale Wandel und der Klimawandel haben tiefgreifende Auswirkungen auf die Arbeitsmärkte, die Arbeitsbedingungen und die Qualität der Arbeitsplätze. Es überrascht nicht, dass Umstrukturierungen und Schließungen von Industriezweigen die industrielle Basis der EU und gut bezahlte, sichere Arbeitsplätze zerstören. Schätzungen der Gewerkschaften zufolge wird allein die grüne Wende direkte Auswirkungen auf 40 Prozent der Arbeitnehmenden in der EU haben. Darüber hinaus besteht große Unsicherheit hinsichtlich der „Phantomisierung” der Arbeit, die sicherlich auch zu einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen führen wird. Dies erfordert zahlreiche Anstrengungen: zur Sicherung des Einkommens, zur Verhinderung von Arbeitsplatzverlusten und zur Verbesserung der Qualifikationen für die neuen Berufsprofile. Daher haben die Arbeitnehmerorganisationen die doppelte Transformation genau zu beobachten und entschlossen zu handeln, um sicherzustellen, dass Fernarbeit und Plattformarbeit, KI und Klimaschutzpolitik den Arbeitnehmenden zugutekommen und ihnen nicht schaden. Das Ziel, allen Arbeitnehmenden einen sicheren Beschäftigungsstatus, eine faire Vergütung und menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu garantieren, muss zum Kernbestandteil jedes gewerkschaftlichen Engagements und jeder gewerkschaftlichen Aktivität werden.
Wanderarbeitnehmende sind eine besondere Gruppe von Beschäftigten, die häufig mit systemischen Schwachstellen konfrontiert sind und oft von Tarifverhandlungen und Schutzmaßnahmen ausgeschlossen werden. Darüber hinaus wird Migration von rechtsextremen und autoritären Kräften als Mittel eingesetzt, um unsere Gesellschaften zu spalten und demokratische Institutionen zu schwächen. Diese gegen Migrierende gerichtete Agenda ist ein Angriff auf die Demokratie selbst. Ähnliche Maßnahmen schaden nur den Arbeitnehmenden und vertiefen die Ungleichheit. In diesem Zusammenhang müssen Gewerkschaften aktiver für die Verteidigung von Wanderarbeitnehmenden eintreten, indem sie direkte Interessenvertretung/Unterstützung mit Vorschlägen für politische Maßnahmen kombinieren, um die Lücken im Schutz von Wanderarbeitnehmenden zu schließen. Hier müssen Gewerkschaften sicherstellen, dass die Migrationspolitik die Grundsätze der Gleichbehandlung aller Arbeitnehmender wahrt.
Armut trotz Arbeit und regionale Ungleichheiten bleiben eine anhaltende Herausforderung in ganz Europa. Ein großer und wachsender Anteil der Menschen arbeitet Vollzeit und verdient nicht genug, um sich und ihre Familien aus der Armut zu befreien. In der Praxis befindet sich jede:r siebte Arbeitnehmer:in in Armut trotz Arbeit und hat Mühe, über die Runden zu kommen. Die Folgen der Erwerbsarmut sind gravierend – betroffene Arbeitnehmende sind oft mit schlechten Wohnverhältnissen, materieller Not, erhöhtem Stress, Ängsten und Depressionen konfrontiert. Dieses Problem kann nicht allein durch Lohnerhöhungen gelöst werden. Die Gewerkschaften fordern ein stärkeres politisches Engagement mit Schwerpunkt auf rechtsbasierten und menschenwürdigen Beschäftigungsansätzen. Dabei muss qualitativ hochwertigen Arbeitsplätzen Vorrang eingeräumt werden, um der Unsicherheit und den Einschränkungen Rechnung zu tragen, mit denen Arbeitnehmende konfrontiert sind.
Schlussfolgerungen und Empfehlungen
Die heutige Zeit ist geprägt von zunehmenden geopolitischen Spannungen, eskalierenden Konflikten, einer Polarisierung der Interessen und mangelnder Vorhersehbarkeit. In Zeiten des Wandels sollten Gewerkschaften proaktiver darauf reagieren und den Ängsten, die Arbeitnehmende in ganz Europa bewegen, eine Stimme geben. In diesem Sinne sollten Gewerkschaften weiterhin aktiv Druck ausüben und politische Maßnahmen fordern, die sich konsequent auf hochwertige Arbeitsplätze, soziale Investitionen und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen konzentrieren.
Die heutige Arbeitswelt befindet sich in einem systematischen Wandel: Digitalisierung, KI, Klimawandel. In einer Zeit, in der unsichere Beschäftigungsverhältnisse zunehmen, ist es für Gewerkschaften unerlässlich, über den Bereich der traditionellen Arbeitnehmerrechte hinauszugehen und die Bedürfnisse der gesamten Belegschaft in ihrer Vielfalt zu antizipieren. Sicherlich ist hier eine erhöhte Fähigkeit zur Anpassung an die sich wandelnde Landschaft sowohl der Arbeitswelt als auch der Gesellschaft insgesamt unerlässlich. Das bedeutet, über die traditionelle Rolle des kollektiven Schutzes hinauszugehen und zu Agierenden des Wandels zu werden. Das wird es ermöglichen, Herausforderungen in Chancen zu verwandeln. Dies kann nur durch proaktives Navigieren durch den Wandel (durch das Verstehen von Trends, die Anpassung der Strukturen und Strategien der Gewerkschaften, um eine menschenzentrierte Zukunft der Arbeit zu gestalten) und durch gleichzeitiges Eintreten für eine gerechte Entwicklung geschehen.
Die rasante Ausbreitung digitaler Arbeitsplattformen verändert die Beschäftigungslandschaft, schafft neue Schwachstellen für Arbeitnehmende und erfordert innovative Antworten von den Gewerkschaften. Die Natur der Plattformarbeit ist geprägt von algorithmischem Management, Überwachungspraktiken und einer bewussten Fragmentierung der Arbeitnehmenden. Diese Kombination von Faktoren stellt eine beispiellose Herausforderung für die Durchsetzung der Arbeitnehmerrechte dar. Als Reaktion darauf müssen die Gewerkschaften neue Organisationsstrategien umsetzen, indem sie digitale Instrumente einsetzen und rechtliche und verhandlungstechnische Innovationen kombinieren, um die Arbeitnehmenden in der digitalen Wirtschaft zu schützen.
Die Macht der Gewerkschaften basiert ausschließlich auf einer aktiven, gestärkten Mitgliedschaft. In dieser Hinsicht besteht die größte Herausforderung für Arbeitnehmerorganisationen derzeit darin, den Wandel in der Arbeitswelt angemessen zu bewältigen und sicherzustellen, dass der digitale und ökologische Wandel zu konkreten Ergebnissen führt: sichere Verträge, faire Bezahlung und Würde am Arbeitsplatz. Um dies zu erreichen, müssen Gewerkschaften ihren Einfluss über traditionelle Grenzen hinaus ausweiten, indem sie informelle Arbeitnehmende, Plattformarbeitende und Wanderarbeitende durch gezielte Organisierung und Mobilisierung mit erhöhter Transparenz und Reaktionsfähigkeit einbeziehen. Darüber hinaus müssen die Gewerkschaften ihre Fähigkeit zur Mobilisierung der Arbeitnehmenden stärken, indem sie die interne Einheit und die Solidaritätsnetzwerke stärken.
Junge Menschen, die in den Arbeitsmarkt eintreten, sind keine homogene Gruppe. Was sie gemeinsam haben, ist, dass sie dies in einer Zeit beschleunigter technologischer Veränderungen und sich wandelnder Wirtschaftsmodelle tun. Daher stehen die Jugendlichen von heute vor beispiellosen Herausforderungen – von Kriegskonflikten und Krisen bis hin zu Cybermobbing und Arbeitslosigkeit. Selbst wenn junge Arbeitnehmende eine Beschäftigung finden, handelt es sich oft um prekäre Jobs oder befristete Verträge, die häufig schlecht bezahlt sind. Daher ist das Phänomen der „arbeitenden Armen” unter jungen Menschen relativ weit verbreitet und steht in klarem Gegensatz zum Ziel „menschenwürdiger Arbeit”. Dies betrifft sogar qualifizierte und hochgebildete junge Menschen.
Ein weiteres Problem ist das häufige „Qualifikationsungleichgewicht” zwischen den durch die formale Bildung erworbenen Fähigkeiten und den von Arbeitgebenden geforderten Kompetenzen.Junge Generationen neigen eher dazu, zunächst über individuelle Ansätze nachzudenken als über kollektive. Darüber hinaus treten junge Arbeitnehmende keinen Gewerkschaften bei, auch wenn sie nicht wissen, dass sie ihre Rechte am Arbeitsplatz kollektiv verteidigen können. Gleichzeitig könnten viele junge Arbeitnehmende potenziell von einer gewerkschaftlichen Vertretung profitieren, da das Arbeitsleben zunehmend unvorhersehbar und Arbeitsplätze weniger sicher geworden sind. Um junge Arbeitnehmende anzusprechen, ist es wichtig, dass die Gewerkschaften die Interessen und Werte der jungen Generation besser kennenlernen und von Jugendlichen geleitete Initiativen umsetzen. Dabei ist es vor allem wichtig, die Aufgaben der Gewerkschaften über Löhne und Sozialleistungen hinaus zu erweitern und sich für Transparenz und digitale Technologien zu öffnen.
Darüber hinaus müssen Gewerkschaften ihre Aktivitäten weiterentwickeln, indem sie sich mit Themen wie KI, psychischer Gesundheit, flexibler Arbeit und bezahltem Urlaub befassen – nicht nur mit Löhnen und Arbeitsplatzsicherheit. Denn die jungen Arbeitnehmenden von heute wollen mehr als nur bessere Löhne – sie wollen eine sinnvolle Beteiligung der Jugend und eine Stimme bei der Gestaltung der Zukunft.