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Demografische Herausforderung, Einwanderung und Nachhaltigkeit der ländlichen Gebiete in Europa

Vom 30. bis zum 31. Januar 2026 fand in Torremolinos, Spanien, ein Seminar über das Thema „Demografische Herausforderung, Einwanderung und Nachhaltigkeit der ländlichen Gebiete in Europa“ statt, das von CEAT (Centro Español para Asuntos de los Trabajadores) in Kooperation mit IPCM (International Platform for Collaboration and Migration) mit Unterstützung von EZA organisiert und von der Europäischen Union finanziert wurde. 45 Vertreter:innen europäischer Arbeitnehmerorganisationen nahmen am Seminar teil.

Bei der Eröffnungsveranstaltung waren, neben dem von CEAT David Cervera, auch Piergiorgio Sciacqua, Co-Präsident von EZA, und Gema Pérez, Abgeordnete im Congreso de los Diputados, anwesend. Beide Gäste betonten die Bedeutung einer geordneten, kontrollierten und beschäftigungsgebundenen Zuwanderung, die sich auf Fachkräfte mit Aussicht auf einen Arbeitsplatz und daraus resultierender Integrationsperspektive beschränkt. Das ländliche Europa müsse nach Ansicht von Gema Pérez mehr als bloße Zwischenstation, nämlich ein zukunftstauglicher Lebensraum sein. Piergiorgio Sciacqua würdigte die Äußerungen von Papst Leo XIV, der das dramatische Migrationsgeschehen mit großer Anteilnahme verfolgt und eine würdige Aufnahme der Geflüchteten anmahnt. Der ländliche Raum sei in Europa durch Entvölkerung, Überalterung und den Verlust von Erwerbsmöglichkeiten in seinem Fortbestand bedroht, mahnte Gema Pérez. Sie plädierte für ein Verständnis der Zuwanderung als Teil der Lösung und nicht als Problem. Das ländliche Europa dürfe keine bloße Zwischenstation sein. Für einen zukunftstauglichen Lebensraum bedürfe es aber mehr als der Zuwanderung von Menschen. Dieser Prozess müsse von einer breiten Strategie für die Entwicklung des ländlichen Raums getragen und von Investitionen und der Ausweitung sozialer Dienste flankiert sein. Für die Zukunft des ländlichen Europas sei Aufbauarbeit vonnöten, keine Flickschusterei, betonte sie abschließend. 

Verschiedene Referent:innen des Seminars analysierten auf der Grundlage demographischer Daten der Bevölkerungsentwicklung im ländlichen Raum in den letzten Jahrzehnten die Problemlage und entwickelten Lösungen. Professor Agustín Blanco, Inhaber des Lehrstuhls José María Martín Patino für die Kultur der Begegnung, hielt die Eröffnungsrede. Daran anknüpfend betonte Rafael Rodriguez Ponga, Präsident der Internationalen Plattform für Kooperation und Migration, die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit und zeigte mögliche Entwicklungsanreize für eine Bindung der Bevölkerung an ihren ländlichen Lebensraum auf. 

Domingo Castillo, Generalsekretär von USO Andalucía, richtete seinerseits den Blick auf den Arbeitskräftemangel in einigen Branchen und auf die Notwendigkeit einer geregelten Berufsausbildung eingewanderter Menschen, da nur so eine würdige und nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt in ganz Europa möglich sei. Raquel Rodriguez, Professorin für berufliche Bildung und Orientierung in der Autonomen Gemeinschaft Madrid, präsentierte eine Karte der beruflichen Bildung in Spanien, wobei der Schwerpunkt auf Regionen mit besonders niedriger Bevölkerungsdichte lag. Sie verwies auf die Notwendigkeit, die Berufsausbildung neu zu organisieren und besser an die Beschäftigungsmöglichkeiten in der Umgebung, wo sich die Zentren befinden, anzupassen und den Distanzunterricht in vielen dieser Gebiete so weit wie möglich auszubauen. 

Als eine gute Praxis, die auch in anderen Gebieten Europas anwendbar sei, bezeichnete Mario Gonzalez ein Projekt, das er als Präsident der Organisation Pueblos con Futuro, leitet. Zusammen mit dieser Organisation konnten bereits 60 Familien in verschiedenen Provinzen Spaniens Arbeit und Wohnraum im ländlichen Raum verschafft werden. Carmen Quintanilla, Präsidentin von AFAMMER, appellierte an die Teilnehmer:innen, nicht länger von einem entleerten Spanien (España Vaciada) zu sprechen, sondern von einem gebenden Spanien (España Donante) mit seinen landwirtschaftlichen Erzeugnissen, seiner Biodiversität und seiner Umwelt im Gleichgewicht. Sie hob die Rolle der weiblichen Landbevölkerung hervor, die Familien zusammenhält und für Stabilität sorgt. 

Die international besetzte Podiumsdiskussion mit Teilnehmer:innen aus Polen, Italien, der Slowakei, Portugal und Deutschland vermittelte einen Einblick in die verschiedenen gemeinsamen Herausforderungen und Chancen in Zusammenhang mit der Migration, dem Arbeitsmarkt und der demographischen Nachhaltigkeit in Europa. Angesichts einer niedrigen Geburtenrate und einer alternden Bevölkerung steht Polen vor großen demographischen Herausforderungen. Die Einwanderung, insbesondere aus der Ukraine, trägt dazu bei, Arbeitsplätze zu besetzen, öffentliche Dienste aufrechtzuerhalten und die wirtschaftliche Stabilität zu sichern. Die akademische Welt profitiert vom Zustrom ausländischer Student:innen. Die größten Herausforderungen sind dabei die Sicherstellung einer echten Integration und die Anpassung der Infrastrukturen und Dienste. Der Seminarteilnehmer aus Italien bezeichnete die Einwanderung als unverzichtbar angesichts der Überalterung der Bevölkerung und dem absehbaren Verlust von bis zu 10 Millionen Arbeitskräften bis 2050. Die Verantwortliche aus der Slowakei mahnte eine Ausweitung der Aufnahmekapazitäten und die Anpassung sowohl der Infrastrukturen als auch der grundlegenden Dienste an die Zuwanderung an. Die Situation im Land sei paradox: Während hochqualifizierte Fachkräfte wie Ärzt:innen und Ingenieur:innen einwandern, arbeiten viele junge Slowak:innen im Ausland. Die Teilnehmer:innen aus Portugal wiesen Rückkehrprogrammen mit dem Fokus auf interessanten Arbeitsplätzen und niedrigeren bürokratischen Hürden grundsätzlich vorrangige Bedeutung zu. Wichtig erschien den Teilnehmer:innen auch eine Verbesserung des Bildungssystems, um Talente im Land zu halten und neue technologische Industrien mit ihrem Bedarf an Spezialist:innen - und insbesondere die Automotive-Industrie, auf die der Teilnehmer aus Deutschland einging - zu fördern. 

Mercedes Fernandez, Wirtschaftswissenschaftlerin und Leiterin des Universitätsinstituts für Migrationsstudien, präsentierte Statistiken aus verschiedenen Studien und wies der Migration eine Schlüsselfunktion für die Wiederbelebung des ländlichen Raums zu. Die Ankunft von Migrantenfamilien könne dazu beitragen, landwirtschaftliche Betriebe am Leben zu erhalten und die wirtschaftliche und soziale Lebensfähigkeit der von Entvölkerung bedrohten Gebiete wiederherzustellen. Beispielhaft wurden einige in Aragón, León und Palencia auf den Weg gebrachte Programme vorgestellt. 

Zum Abschluss des Seminars wurden die grundlegenden Beiträge aller Teilnehmer:innen von Javier Morillas, Inhaber des Lehrstuhls für angewandte Wirtschaft der Universität San Pablo CEU, zusammengefasst. Die Einwanderung sei, so die Schlussfolgerung, nicht als Problem an sich zu begreifen, sondern als ein Phänomen, das bei vernünftiger Handhabung die Probleme von Gesellschaften mit niedriger Geburtenrate und Arbeitskräftemangel lösen könne. Er verwies ferner auf die Notwendigkeit einer legalen und geordneten Zuwanderung sowie unterstützender Maßnahmen, um dem Rückgang der Geburtenrate in allen europäischen Ländern entgegenzuwirken und die Familien zu unterstützen.