Gesunde Arbeitsplätze – Gefährliche Substanzen erkennen und handhaben

Gewerkschaftsvertreter/innen aus Frankreich, Polen, Portugal und Deutschland trafen sich vom 14. bis 16. März 2019 in Bonn, um sich über das Thema „Gesunde Arbeitsplätze – Gefährliche Substanzen erkennen und handhaben“ auszutauschen und über Maßnahmen zur Sensibilisierung und Prävention in ihren jeweiligen Branchen zu informieren. Vorgestellt wurden Beispiele aus den Branchen Chemie, Mineralölindustrie, Landwirtschaft, Abfallwirtschaft, Wasserwirtschaft, Bau und Holz, Güterverkehr, Lebensmittelindustrie, pharmazeutische Industrie sowie die Feuerwehr. Das Seminar wurde in inhaltlicher Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft NSZZ "Solidarność", der Stiftung Nowy Staw aus Lublin, dem französischen Gewerkschaftsverband CFTC und der portugiesischen Arbeitnehmerbewegung BASE-F.U.T./C.F.T.L. durchgeführt.

Das Europäische Zentrum für Arbeitnehmerfragen (EZA) aus Königswinter organisierte die Konferenz im Rahmen der europaweiten Kampagne der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA). Nathalie Henke von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin Dortmund, Leiterin des nationalen “focal point” der EU-OSHA in Deutschland, stellte die Kampagne vor. Außerdem schilderte sie die baua – Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Dortmund – mit ihren Kernaufgaben und Handlungsfeldern.

Józef Mozolewski, Vizepräsident von EZA, sowie João Paulo Branco, Verwaltungsratsmitglied von EZA, wiesen in ihren Grußworten auf die wichtige Rolle von Arbeitnehmerorganisationen hin, wenn es darum geht, Gesundheitsgefahren in Zusammenhang mit Gefahrstoffen zu erkennen, vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen und die oftmals vorhandenen Strukturen für den Umgang mit ihnen zu nutzen.

Das Wissen um Gefahren ist fundamentale Voraussetzung für die Prävention, war eine der Schlüsselerkenntnisse des Seminars. Wie unterschiedlich in den einzelnen Ländern mit der Thematik umgegangen wird, konnten die Teilnehmer/innen in den Fachvorträgen der Gewerkschaftsvertreter/innen erleben, in denen sie sich über eine Vielzahl an Fragen informieren konnten: Wer ist für Sicherheit und Gesundheitsschutz in den Betrieben verantwortlich? Wer haftet bei Betriebsunfällen? Wie ist in den einzelnen Ländern der Arbeitsschutz national und regional organisiert? Wie ist die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren geregelt? Jedes Land hat zwar seine eigenen Vorschriften, aber immer gibt es klare Regeln.

Risiken im Umgang mit Gefahrstoffen nicht nur zu limitieren bzw. zu minimieren, sondern möglichst zu eliminieren, war eine der zentralen Forderungen der Teilnehmer/innen. Hauptrisikofaktor sei der Mensch, daher wurden Schulungen als wichtiges Element erachtet, vor allem für Mitarbeiter/innen, die bei ihrer täglichen Arbeit besonderen Risiken ausgesetzt sind. Man müsse den Mitarbeitern/innen die nötigen Kenntnisse liefern, damit sie wissen, wie sie sich schützen können. Hier seien besonders die Arbeitgeber in der Pflicht. Sie müssten die Gefahren beschreiben und die Arbeitnehmer/innen darüber informieren, das Risiko müsse bewertet werden und entsprechende Schutzmaßnahmen umgesetzt werden. Am Beispiel der Petrochemie in Portugal und bei der Betriebsbesichtigung der Shell Rheinland Raffinerie, der zweitgrößten Raffinerie Europas, wurde die Präventionsmaßnahme „Take 2“ vorgestellt, nach der man mindestens 2 Minuten darüber nachdenken soll, bevor man einen gefährlichen Arbeitsschritt ausübt.

Auch die zunehmende Arbeitsverdichtung und der damit einhergehende Zeitdruck wurde als Risikofaktor identifiziert. So wurde zum Beispiel bezogen auf den Bausektor in Polen gefordert, es müsse bei Ausschreibungen eine Bedingung sein, dass Arbeitsschutz großgeschrieben und nicht nur nach dem Preis geschaut werde, v.a. auch bei Subunternehmen. Über die Pharmaindustrie in Polen wurde berichtet, es habe durch den Beitritt in die Europäische Union ein starker Wandel bei den Arbeits- und Produktionsbedingungen stattgefunden, weil sich Polen an die in der EU geltenden Vorschriften anpassen musste. Dies habe zu einer erhöhten Anzahl von Erkrankungen in Pharmaindustrie in Polen geführt.

Trotz der unterschiedlichen Bedingungen für den Umgang mit Gefahrstoffen am Arbeitsplatz in den vertretenen Ländern waren sich die Teilnehmer/innen darin einig, dass die Gewerkschaften in Europa in dieser Angelegenheit mit einer Stimme sprechen müssen. Die Frage, wie Gesundheitsschutz in einer Zeit, in der sich Arbeitssituationen dramatisch verändern, neu definiert wird, müsse dringend beantwortet werden. Nicht außer Acht gelassen werden dürften dabei auch die psychosozialen Risiken am Arbeitsplatz, z.B. StressAuch wurde darauf hingewiesen, dass neue Vorschriften für den Umgang mit Gefahrstoffen oft viel liberaler seien als alte, vor allem wenn es um Automatisierungsprozesse gehe.

In der abschließenden Diskussionsrunde unterstrich Aneta Szczykutowicz von der Stiftung Nowy Staw, dass die Schaffung einer positiven Motivation und von Vorbildern für sicherheitsorientiertes Verhalten in den Unternehmen fundamental für eine stärkere Sensibilisierung der Arbeitnehmer und die Schaffung einer Präventionskultur seien. Bogusław Hereć, Leitender Inspektor für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz a.D. und betrieblicher Sozialinspektor der Azoty Pulawy Gruppe, hob hervor, dass hierfür der Umgang mit gefährlichen Substanzen schon in die betriebsinterne berufliche Ausbildung im Rahmen des dualen Systems aufgenommen werden müsse und regelmäßige Schulungen der Arbeitnehmer fundamental seien. Jorge Santana von BASE-F.U.T. erläuterte, dass das Wissen um Gefahrenstoffe und die Sensibilisierung für einen verantwortungsbewussten Umgang hiermit im Verlauf der letzten Jahrzehnte zugenommen habe, was auch die Betriebsräte der Shell Raffinerie Rheinland Detlev Hierl und Daniela Lux im Rahmen des vor Ort geführten Gesprächs herausgestellt hatten. Die Ausbildung von Gefahrenspezialisten in den Unternehmen, die über jahrzehntelange Erfahrung und Wissen verfügten und dieses an jüngere Angestellte weitergeben könnten, sei wichtig. Nicolas de Narkevitch von CFTC, Fachkraft für Arbeitssicherheit und Gesundheitsvorsorge bei der Suez-Gruppe, arbeitete am Beispiel seines Unternehmens heraus, dass das Vermeiden von Personalfluktuation, die Schaffung einer Unternehmenskultur, die Arbeitnehmer/innen über Jahre und Jahrzehnte an das Unternehmen bindet und ihnen das Gefühl gibt, Teil einer Familie zu sein, maßgebliche Voraussetzung für die Motivation zur Prävention von Gesundheitsgefahren sei.

Eine wesentliche Erkenntnis des Seminars war, dass überall dort, wo Gewerkschaftsvertreter/innen auf Unternehmensebene sich für Sicherheit und Gesundheitsschutz einsetzten, die Zahl der Unfälle geringer und die Sensibilisierung und Prävention höher seien. António Brandão Guedes, EZA-Projektkoordinator für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz, betonte zum Abschluss des Seminars, dass – neben der Schaffung einer Unternehmenskultur für sicherheitsorientiertes Verhalten – die Aufgaben der gewerkschaftlichen Vertretung auch darin bestünden, variable Faktoren in die Verhandlungen des sozialen Dialogs einzubringen, denn der Erfolg eines Sicherheits- und Gesundheitsmanagements in den Unternehmen hänge auch davon ab, wie viele Stunden pro Schicht gearbeitet würden und ob Arbeitnehmer/innen in der sicheren Bedienung neuer Technologien ausreichend geschult würden. Eine Herausforderung sei auch die Abdeckung der Arbeitnehmer/innen in den kleinen und mittleren Unternehmen.

Das dreitägige Seminar in Bonn gab allen Beteiligten ein Forum zum Erfahrungsaustausch und zur Vernetzung zwischen den mitwirkenden Arbeitnehmerorganisationen. EZA wird im Rahmen seines Bildungsjahrs 2019 eine Seminarreihe mit sechs Seminaren zu unterschiedlichen aktuellen Fragen von Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz durchführen, in deren Zentrum einige grundlegende Aspekte dieses Seminars – wie die Situation in kleinen und mittleren Unternehmen und die Bedeutung einer gewerkschaftlichen Vertretung auf Betriebsebene für ein erfolgreiches Sicherheits- und Gesundheitsmanagement – fortgeführt werden.

 

EZA-Bildungsprogramm 2019

Der neue EZA-Präsident: Luc Van den Brande

Kampagne „Gesunde Arbeitsplätze: Gefährliche Substanzen erkennen und handhaben“