Die menschliche Dimension des digitalen Zeitalters: Der Einsatz von Gewerkschaften für effektive Lösungsansätze zur Gestaltung der Zukunft der Arbeit unter besonderer Betonung der sozialen Integrität und des Beschäftigungsschutze

Die internationale Konferenz „Die menschliche Dimension des digitalen Zeitalters: Der Einsatz von Gewerkschaften für effektive Lösungsansätze zur Gestaltung der Zukunft der Arbeit unter besonderer Betonung der sozialen Integrität und des Beschäftigungsschutzes“ wurde im Rahmen des EZA-Bildungsprogrammes von PODKREPA (Confederation of Labour PODKREPA) organisiert und von mehr als 50 Teilnehmern besucht, darunter hochrangige Offizielle, wie der Generalsekretär des nationalen Gewerbeaufsichtsamtes, Direktoren der nationalen Arbeitsagentur, der Präsident des BICA – die größten Arbeitgeberorganisationen und Gewerkschafter aus Rumänien, Frankreich, Belgien, Litauen, Deutschland und Bulgarien. Das Seminar wurde von der Europäischen Union unterstützt. Das Seminar war Teil der EZA-Projektkoordinierung über „Neue Arbeitsbeziehungen: Digitalisierung und Gewerkschaftsstrategien“ und wurde unterstützt von der Europäischen Union.

Das Hauptziel der Konferenz bestand darin, sich über die Notwendigkeit zur Neugestaltung der Richtlinien von Gewerkschaften auszutauschen und einen innovativen Ansatz im Umgang mit den Änderungen umzusetzen, die heutzutage in der Arbeitswelt stattfinden – kurz gesagt: die Ausbreitung neuer Technologien. Das zweite Ziel war die Beschäftigung mit den drohenden sozioökonomischen Unterschieden, was Arbeitnehmern bei Tätigkeiten helfen soll, die wahrscheinlich verschwinden oder umgewandelt werden. Zu den übrigen Fragen, die ebenfalls angesprochen wurden, gehören: die Zukunft der Arbeitsbeziehung, darunter Karrieremöglichkeiten und Nachhaltigkeit, soziale Sicherheit, Gesundheit und Sicherheit, soziale Inklusion, betriebliche Ausbildung und algorithmische Transparenz.

Während seiner einleitenden Ausführungen gab Veselin Mitov, Vizepräsident des EZA & Internationaler Sekretär von PODKREPA einen Überblick über diese Ziele und das Engagement von PODKREPA für eine der vier wichtigsten Prioritäten der bulgarischen EU-Ratspräsidentschaft, und zwar die digitale Wirtschaft und digitale Fertigkeiten für die Zukunft mit dem Fokus auf jungen Menschen. Führende Mitglieder und Experten von PODKREPA nahmen an allen im Rahmen der Präsidentschaft organisierten hochrangige Foren teil, um die dringende Notwendigkeit zur Modernisierung der Bildungs- und Sozialversicherungssysteme hervorzuheben, um neue Beschäftigungs-methoden zu gestalten und die Gewerkschaftswerte von Solidarität, einem menschen-würdigen Leben, sozialer Inklusion und Nichtdiskriminierung zu fördern. Später skizzierten die Redner die wichtigsten Botschaften: Nur wenige Arbeitnehmer in Europa werden von der Digitalisierung verschont bleiben, die Arbeitswelt wird sich verändern, selbstständige Arbeit und Kurzzeitverträge werden nach und nach verschwinden – es ist Zeit, aktiv zu werden. Gewerkschaften müssen die richtigen Maßnahmen ergreifen und zusammenarbeiten, um diese Trends so zu gestalten, dass sie für alle funktionieren. Da sich die vierte industrielle Revolution durch eine schnelle Entwicklung kennzeichnet, sollten Gewerkschaften ihre Richtlinien und Strukturen neu gestalten, um darauf reagieren zu können. Reformen in den Bereichen Bildung und soziale Sicherheit sollten angestoßen werden – darunter zunächst Gesetzes-initiativen, dann die Förderung und Unterstützung von betrieblicher Ausbildung, die soziale Sicherung neuer Beschäftigungsformen. Jeder Redner betonte, dass aktuelle regulatorische Rahmenbedingungen durch starke und ausgewogene Sicherheits-standards ergänzt werden sollten, mit einer passenden Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, um diese neuen Bedrohungen als Chancen ansehen zu können.

Sylvain Lefebvre, stellvertretender Generalsekretär von IndustriALL Europe, stellte in seinen Ausführungen die Einschätzungen der größeren beruflichen Gewerkschafts-organisation auf europäischer Ebene vor. Laut diesen müssen die Auswirkungen des digitalen Wandels auf die Erwerbstätigen analysiert werden. Die von ihr verbreitete allgemeine Botschaft besteht darin, dass die 4. industrielle Revolution einen unvorhersehbaren Einfluss auf Arbeitnehmer und Arbeitsbedingungen hat und möglicherweise zu einem nicht akzeptablen Maß an Flexibilität und Unsicherheit führen wird. Klar ist, dass die Digitalisierung das Potential hat, sichere, gut bezahlte Tätigkeiten durch eine zeitlich befristete, niedrig bezahlte Beschäftigung zu ersetzen. Es besteht auch die Gefahr, dass Arbeitgeber die drohende Automatisierung dazu verwenden werden, Löhne und Arbeitsbedingungen zu drücken. Gewerkschaften in Europa stellen sich diesen Trends entgegen und fordern im Hinblick auf Solidarität, Gerechtigkeit und Menschenwürde entsprechende rechtliche EU-Rahmen-bedingungen sowie eine erneuerte Beschäftigungsstrategie, damit alle Arbeitsformen für ein menschenwürdiges Einkommen, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und soziale Sicherung sorgen, sowie Zugang zu  angemessenen Leistungen. Zusätzlich sollten dem sozialen Dialog und Tarifverhandlungen eine größere Bedeutung und ein größerer Einfluss zukommen, sowie allen anderen Mitteln der Arbeitgeberbeteiligung, insbesondere auf Branchen- und Unternehmensebene. Nur Gewerkschaften gelten als rechtmäßige und strukturierte Organisationen, die dazu dienen, Demokratie am Arbeitsplatz zu steigern.

Laut dem Programm wurden während des zweiten Forums die verschiedenen Seminare des EZA unter dem Thema „Neue Arbeitsbeziehungen: Digitalisierung und Strategie der Gewerkschaften“ vorgestellt und Präsentationen zu den Auswirkungen neuer Arbeitsformen auf die nationalen Arbeitskräfte gehalten. Nationale Ausführungen machten die Auswirkungen der Digitalisierung in verschiedenen Bereichen sichtbar und unterstreichen die Notwendigkeit, die ihnen in den meisten seriösen Überlegungen und Maßnahmen eingeräumt werden muss. Die Digitalisierung der Arbeit ist bereits jetzt unbestreitbare Realität, allerdings gibt es viele Bedenken hinsichtlich der Beziehung zwischen neuen Arbeitsformen und sozialen und Arbeitsungleichheiten. Verschiedene Probleme wurden herausgestellt: Wenn wir einen Kollaps der Sozialversicherungssysteme verhindern und einen gleichberechtigten Schutz garantieren wollen, müssen gesetzliche Bestimmungen verabschiedet werden. Aus nationalen Ausführungen wird ersichtlich, dass die Digitalisierung erstens beides bringt – den Verlust von Arbeitsplätzen ebenso wie Chancen. Zweitens liegt für Arbeitnehmerorganisationen das Hauptproblem in den Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, nämlich die Ungewissheit und Unvorherseh-barkeit von Arbeitsplätzen. Es lässt sich nur schwer vorhersagen, welche Tätigkeiten, Aufgaben und Fertigkeiten möglicherweise sowohl positiv als auch negativ betroffen sein werden. Die Bedenken sehen so aus, dass es nicht nur bei den Tätigkeiten, sondern auch bei den Lebensmodellen zu Veränderungen kommen wird. Daher wird die zukünftige Architektur des Arbeitsmarktes wahrscheinlich fragmentierter aussehen, aber auch mehr miteinander verbunden sein. Um diese Zukunftslandschaft sinnvoll gestalten zu können, sollten Gewerkschaften all diese Auswirkungen der Technologien berücksichtigen.

Während des Gespräches am runden Tisch wurden fünf Kernprobleme formuliert, wie politische Prioritäten und Maßnahmen von Gewerkschaften neu zu gestalten sind, um auf die neuen Beschäftigungsformen zu reagieren. Sie lauten folgendermaßen:

- Die Probleme sind offensichtlich und hängen mit den Tätigkeiten zusammen, die sich ändern oder vielleicht sogar verschwinden werden, indem sie durch ein Robotersystem ersetzt werden.

- Das Arbeitsumfeld befindet sich im Wandel und bietet der Zunahme von Risiken/Stress, Isolation einen Nährboden, insbesondere in Fällen von Arbeitsplatz-überwachung oder Diskrimination, wie z.B. durch die Vergabe von Punkten oder das Erstellen von Profilen.

- Relativ gut geschützt sind Arbeitnehmer mit befristeten Arbeitsverträgen und organisierte Arbeitnehmer. Dazu gehören jedoch nicht diejenigen, die über Online-Plattformen arbeiten, die sogenannten „gig workers“ (dt. etwa: einmalige Auftragnehmer) oder die untypischen Arbeitnehmer. Diese Arbeitnehmer sehen sich mit spezifischen Risiken, wie unsicheren Arbeitsplätze, Diskriminierung, sozialer Ausgliederung, unstrukturierter Arbeit, Unsicherheit bezüglich rechtlicher Pflichten, konfrontiert. Gerade diese Personengruppe muss vertreten sein, damit auch ihre Stimme erhört werden kann.

- Die Digitalisierung mischt die Karten komplett neu und revolutioniert die Art und Weise, wie wir arbeiten und leben. Sie wird der Auslöser für die Schaffung neuer Organisationsmodelle sein und zu neuen und vollkommen anderen Arbeitsschutz-modellen führen.

- Aufgrund der Multifunktionalität der Digitalisierung wird praktisch jeder Bereich des menschlichen Lebens davon betroffen sein. Daher ist es eine absolute Notwendigkeit, einen soliden ethischen Rahmen dafür zu schaffen. Dieser Rahmen muss sich ernsthaft mit den grundlegenden Bürger- und Arbeitnehmerrechten, wie Privatsphäre, Menschenwürde und Nichtdiskriminierung befassen – Standards, die in dieser sich schnell ändernden Arbeitswelt aufrechterhalten werden müssen.

Der Experte der Gewerkschaft PODKREPA stellte außerdem eine bewährte Methode vor, ein unter Erasmus+ umgesetztes Projekt, das aus einer Online-Beratung, -Vermittlung und einem Online-Schiedsverfahren für digitale Arbeitnehmer besteht. PODKREPA ist Betreiber dieser Plattform und auf deren Dienstleistungen können Nutzer ganz einfach und kostenfrei zugreifen.

Die abschließende Schlussfolgerung des ersten Konferenztages lautete, dass Gewerkschaften schnell reagieren und ihre Anstrengungen deutlich steigern sollten, um zu garantieren, dass der soziale Dialog und Tarifverhandlungen an den digitalen Wandel angepasst werden. Diese sollten künftig Klauseln im Zusammenhang mit Gesundheit und Sicherheit, sozialer Sicherheit und betrieblicher Ausbildung von Arbeitnehmern in den neuen Arbeitsformen enthalten.

Am zweiten Tag lag der Fokus stärker auf der digitalen Agenda der Gewerkschaften. Hinsichtlich der Arbeit im 21. Jahrhundert wurde betont, dass Sozialpartner eine Schlüsselrolle spielen müssten – im Unternehmen sowie auf Branchen-, nationaler und europäischer Ebene (durch Ausschüsse für den Europäischen Sozialdialog).

Als erstes Hilfsmittel dafür wurde das Informations- und Beratungsverfahren genannt. Es wurde herausgestellt, dass Gewerkschaften bei der Neugestaltung des Arbeits-platzaufbaus besser vom bestehenden Mechanismus für eine angemessene Beteiligung von Arbeitnehmern profitieren sollten. Information und Beratung müssten intensiver und zu einer etablierten und beständigen Methode werden. Insbesondere für die neuen, untypischen Arbeitnehmer ist das wichtig. Zusätzlich wird das Recht auf Vertretung, Information und Beratung zu neuen Arbeitsformen Kreativität und möglicherweise auch das Erfinden eines neuen, auf ihr spezifisches Arbeitsumfeld zugeschnittenen Ansatzes erfordern. Zweitens stellen Gewerkschaften Strukturen dar, die so nah wie nichts anderes am Arbeitsplatz agieren. Mit ihrer Hilfe können also Fertigkeiten festgestellt und vorgeschlagen werden, die Arbeitnehmer in der Zukunft benötigen werden. Drittens wird der Erwerb fachlicher Fertigkeiten nicht ausreichen, auch wenn er notwendig sein wird. Diesbezüglich werden Gewerkschaften möglicher-weise in die Pflicht genommen werden, um Arbeitnehmer auf eine Arbeitsplatz-diversifizierung und ein lebenslanges Lernen vorzubereiten.

Aus den einzelnen Ausführungen wurde ersichtlich, dass es notwendig ist, eine Strategie mit dem Ziel der Verbesserung der Kapazitäten von Gewerkschaften vorzuschlagen, um die Digitalisierung mitzugestalten und Arbeitnehmerrechte im Kontext des digitalen Wandels zu schützen und zu fördern. Tarifverhandlungen und der soziale Dialog sind dabei Mittel, um sich mit der Verwundbarkeit von Arbeitnehmern in den neuen Beschäftigungsformen zu befassen. Unsicherheiten bezüglich der Folgen für Arbeitsplätze, drohende Arbeitsplatzverluste, die Gefahr undemokratischer Entscheidungsfindungsprozesse und eine Minderung der Rechte am Arbeitsplatz sind unter anderem von höchster Bedeutung und müssen verteidigt werden. Gewerkschaften können sich möglicherweise nicht mehr nur auf Erfolge aus den letzten Jahrzehnten verlassen, sondern müssen auch eine „offensive“ Agenda aufstellen, um die Herausforderungen der Digitalisierung erfassen und die Rolle und Würde von Arbeit im 21. Jahrhundert fördern zu können.

Dafür müssen Gewerkschaften schnell reagieren können und neue Lösungen vorschlagen, wie Tarifverhandlungen in eine neue digitalisierte Arbeitswelt hinübergerettet werden können. So werden Gewerkschaften in der Lage sein, sich den sich verändernden Geschäftsmodellen und den neuen Risiken zu stellen. Die Notwendigkeit für eine Stärkung der kollektiven Rechte auf jeder Ebene ist offensichtlich und überfällig. Aus diesem Grund müssen wir klare Definitionen der neuen Arbeitsformen, ihrer rechtlichen Stellung sowie mehr Sicherheit und Transparenz im Hinblick auf die Prozesse des digitalen Wandels am Arbeitsplatz und auf Unternehmensebene fordern. In dieser neuen Welt wird die Schulung und Neuqualifizierung der Arbeitnehmer nicht ausreichen. Arbeitnehmer dürfen nicht abwandern und müssen ihre Daseinsberechtigung in diesem grundverschiedenen Arbeitsumfeld verteidigen. Das sind starke Argumente – wir müssen Gewerkschafts-werte und Solidarität verständlicher machen, um digitale Arbeitnehmer von einem Eintritt in Gewerkschaften zu überzeugen. Denn diese sind das einzige unabhängige Organ zur Verteidigung der Arbeitnehmerinteressen.

Basierend auf Diskussionen und Beiträgen lautete die allgemeine Schlussfolgerung, dass die vierte industrielle Revolution sowohl zu großartigen Chancen als auch zu Risiken geführt hat. Die Unterschiede zwischen den Arbeitnehmern drohen größer zu werden und der einzige legale Weg zur Festlegung sozialer Standards besteht in der kollektiven Absicherung und der internationalen Zusammenarbeit durch Gewerk-schaften. Diesbezüglich müssen Gewerkschaften im 21. Jahrhundert dynamischer werden, um neue Methoden und Mittel umsetzen zu können, aber gleichzeitig auch ihren traditionellen und sehr starken Weg aus Solidarität und gegenseitiger Unterstützung zwischen Erwerbstätigen nicht verlassen, ganz unabhängig von den Beschäftigungsformen! Die Mischung aus Globalisierung, digitalem Wandel, Massen-migration und einer alternden Bevölkerung kann nicht allein bewältigt werden. Als echte Verteidiger der Menschenrechte vereinen Gewerkschaften sie alle, um die vielfältigen und komplexen Folgen für die Arbeitswelt umfassend zu verstehen.

In diesem Sinne freuen wir uns auf übergreifende Antworten auf all diese Herausforderungen. Die Konferenz war eine tolle Gelegenheit, um die Debatte zu den Antworten und Initiativen der Gewerkschaften zum Schutz von Arbeitnehmerrechten zu bereichern, die derzeit sowohl durch die technische Automatisierung als auch durch neue Beschäftigungstrends unter Druck geraten sind.

 

Der neue EZA-Präsident: Luc Van den Brande

EZA-Startseminar 2018

Kampagne „Gesunde Arbeitsplätze: Gefährliche Substanzen erkennen und handhaben“