Arbeitswelt 2020“ – Handlungsempfehlungen für eine präventive Gesundheitsförderung für Arbeitnehmer aller Altersgruppen im Unternehmen

In der aktuellen Arbeitswelt und auch in der kommenden Phase der fortschreitenden Digitalisierung führen neben individuellen vor allem arbeitsplatzbedingte Faktoren zu Überforderungen und damit verbundenen vegetativen Stresssymptomen, die immer häufiger zu Burn-Out Symptomen und in der Folge zu schweren Erkrankungen führen.

In unserem Seminar zum Thema „Arbeitswelt 2020“ – Handlungsempfehlungen für eine präventive Gesundheitsförderung für Arbeitnehmer aller Altersgruppen im Unternehmen“, das vom 20. bis 22. September 2017 in Tallinn, Estland, stattfand, sammeln 22 TeilnehmerInnen und 3 Hauptreferenten aus Estland, Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg und Portugal Impulse und Konzepte, um Handlungsempfehlungen für den sozialen Dialog zu erstellen.

Im wirtschaftlichen Leben ist die Digitalisierung, die so genannte Industrie 4.0, das so genannte Internet der Dinge längst angekommen. Zurzeit finden größere Umstrukturierungen in den Unternehmen statt, um diese Entwicklungen nicht zu verpassen. In Europa und weltweit. Gleichzeitig hat die Digitalisierung auch im privaten Leben Fuß gefasst. World-Wide-Web, digitale Plattformen für Kauf und Verkauf, Behördengänge, Terminierungen, Korrespondenzen und der allgegenwärtige Einsatz von Smartphones bestimmen das Bild. Es scheint also akzeptiert sein. Freilich ist das nur der Anfang. In den nächsten 20 Jahren wird sich die heutige Informationsgesellschaft in eine reine digitale Gesellschaft verwandet haben und das alltägliche Leben durchdringen. E-residency, e-governance, e-tax, e-medicine, e-learning, e-parliament, e-working, e-currency, cloud-systems sind nur einige Worte dieser neuen Zeit. Es handelt sich also um einen Paradigmenwechsel.

Schon heute müssen Menschen immer verfügbarer und flexibler arbeiten. Und durch die eingesetzten, digitalen Möglichkeiten sind Arbeits- und Privatwelt kaum noch zu trennen. Für die Sozialpartner der verschiedenen Arbeitnehmerorganisationen aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, ein Bewusstsein – auch für sich selbst – zu schaffen –, das diesem Paradigmenwechsel Rechnung trägt. Durch neue Konzepte, Ideen, Strategien, die die vorbeugende Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz für alle arbeitenden Menschen als einen Schwerpunkt für den sozialen Dialog festschreibt. Denn die Digitalisierung der Arbeitswelt bietet eben auch die Chance, Arbeit und Gesundheit ganz neu zu Denken.

In seinem Referat stellt Imre Mürk (Technische Universität Tallinn) die Zukunft der Arbeitswelt 2020 vor. Die digitalisierte Arbeitswelt ist bereits Realität und greift weit über den Arbeitsplatz hinaus in das private und gesellschaftliche Leben der Menschen hinein. Die neuen Risiken entstehen durch neuartige Arbeitsplätze und Berufsfelder. Zum Beispiel Nanotechnologie, Industrie 4.0, digitale Ökonomie, Robotik, neue Karrierewege und daran angepasste Arbeitsstrukturen und Organisationen. Ein gutes Beispiel für die private und gesellschaftliche Digitalisierung ist Estland. Hier kann nicht nur das Parlament und die Regierung via Knopfdruck online gewählt werden. Auch Bezahlungen, Behördengänge, Steuererklärungen oder das Rufen und Bezahlen eines Taxis können und werden digital via Internet oder Smartphone erledigt. Und in der estnischen Verfassung ist das Recht auf Digitalisierung verankert. So sind Arbeitswelt, gesellschaftliches Zusammensein und privates Leben kaum noch zu trennen. Es werden eben auch nach Arbeitsschluss zum Beispiel berufliche Emails beantwortet. Oder aber der Arbeitsplatz wird teilweise in die privaten Räume ausgelagert, um dort – digital – zu arbeiten.

Der Druck auf die Beschäftigten wächst, denn dem Arbeitgeber ist es in einer digitalen Welt egal, wo gearbeitet wird. Seine Maxime ist: Die Arbeit wird erledigt. Aber auch in modernen Industriebetrieben, wie in der Automobil-, Nahrungsmittel- oder Luftfahrtindustrie, und in vielen Dienstleistungs- und Medienunternehmen ist die Digitalisierung teilweise Realität.

In ihrem Referat zeigt Dr. Karin Pärnpuu (Chef-Ärztin der Tallink Gruppe AG Tallinn) die gesundheitlichen Aspekte der Digitalisierung in der Arbeitswelt 2020 auf.

In Estland geben zwei von zehn Patienten an, Depressionen zu haben. Die anderen verneinen einen Zusammenhang ihrer körperlichen und seelischen Beschwerden mit einer eventuellen Depression. In Estland ist ein Tabu – über Krankheiten – auch seelische – zu sprechen und sie zu akzeptieren. Es ist vorgesehen, psychische Risikofaktoren am Arbeitsplatz in entsprechende Gesetze aufzunehmen. Dennoch wird es nicht so einfach sein, psychosoziale Erkrankungen durch Arbeit nachzuweisen. Damit steht Estland dann ganz am Anfang.

In Estland ist auch die Telearbeit ein Faktor. Die Menschen arbeiten digital zu Hause. Alleine und mit eigenem Tempo. Aufgaben werden vorgegeben und müssen erledigt werden. Irgendwie. Weil der Mensch aber kein einsamer Wolf ist, entsteht durch diese Situation Stress. Wenn der Austausch vis à vis mit den Kollegen fehlt, gibt es auch keine Unterstützung von ihnen. Bei der einsamen digitalen Arbeit fehlt das. Gesellt sich zum Stress die Unzufriedenheit über den Arbeitsplatz, dann kann dies auf die Dauer zu Erkrankungen führen.

Durch die Digitalisierung ist es leider kaum möglich, über Probleme am Arbeitsplatz mit dem Arbeitgeber zu reden. Der sitzt vielleicht in Estland, der Beschäftigte aber in Spanien vor seinem digitalen Arbeitsplatz. Also bleibt nur der Weg zum Arzt mit seinen zahlreichen Therapiemöglichkeiten. Aber der einzelne, betroffene Mensch muss das auch wollen.

Natürlich ist die work-life-balance von besondere Bedeutung. Darunter fällt auch das Ernährungsverhalten der Menschen. Das verändert sich durch Stress negativ. Falsche Lebensmittel – meistens industriell hergestellt – führen zu Übergewicht mit vielen Folgeerkrankungen. Ein wirksames Mittel dagegen ist die die Salutogenese. Sport, gute Lebensmittel, freundliches soziales Umfeld, gesunde Lebensweise sind hier Schlüsselbegriffe.

In seinem Referat stellt Dr. Manfred Böhm (Arbeitnehmerpastoral/Betriebsseelsorge Bamberg) die Macht der Algorithmen – wo bleibt der Mensch in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Er zeigt sozialethische Aspekte im sozialen Dialog und Impulse für Gewerkschaften, Betriebsrat und christliche Arbeitnehmervertretungen auf.

Es geht bei der Digitalisierung nicht um eine vollautomatische Fabrik, sondern um selbst denkende, sich selbst organisierende Wertschöpfungsketten. Die Verfahren und Arbeitsprozesse werden auf ein System übertragen. Und dies ist ein Paradigmenwechsel.

Wichtig ist aber besonders, diese Betrachtung von der menschlichen Seite aus zu sehen. Die Humanisierung der Arbeitswelt wird auch in Zukunft von einer hohen Bedeutung sein. Natürlich gibt es in der Digitalisierung auch die Humanisierung. Zum Beispiel Arbeitserleichterungen, Zeitersparnisse. Aber das kommt nicht von allein. Wenn nichts unternommen wird für humanere Arbeitsplätze, wird der Grad der Ausbeutung und Selbstausbeutung perfektioniert.

In dieser neuen Mensch-Maschine-Interaktion darf der Mensch nicht ein Assistent der Maschine sein. Denn diese neuen „Maschinen“ optimieren sich eigenständig und arbeiten in Echtzeit. Ohne Eingriff von Menschen nur auf Grund von Algorithmen.

Die großen Herausforderungen für die Gewerkschaften sind folgende Tatsachen:

1. Zunehmend werden unbefristete Arbeitsverträge in Teilzeitarbeit mit flexiblen Arbeitszeiten umgewandelt. Das ist das so genannte Hiring on demand.

2. Durch die steigende Produktivität sinkt das Gesamtvolumen der Erwerbsarbeit.

3. Die Teilung von Arbeit, die Verkürzung von Arbeitszeit, um zunehmende Arbeitslosigkeit zu verhindern.

Infolge der umfassenden Digitalisierung der Arbeits- und Privatwelt ist es wichtig, sich das Recht auf Privatheit und Selbstbestimmung in automatisierten Prozessen zu erhalten. Und es gibt in der katholischen Soziallehre den Grundsatz: Arbeit und die Würde der Arbeit geht vor dem Kapital, und die Arbeit ist für den Menschen da.

Die digitalen und technischen Möglichkeiten faszinieren die Menschen so sehr, dass er seine Freizeit in dieses System einbaut mit dem Versprechen und der Aufforderung, selbst verantwortlich zu sein für die eigene Gesundheit und die work-life-balance. Und für das richtige Maß zwischen Arbeit und Ruhe, zwischen Freizeit und beruflicher Aktivität. Das so genannte self care. Dadurch wird Arbeit positiv aufgeladen. Schon heute ist zu erkennen, dass der Hang zur Freiheit der Selbstausbeutung zunimmt.

Es kommt leider nie die Frage, ob diese Selbstausbeutung in dem irrigen Glauben besteht, sich dadurch selbst zu verwirklichen. Die Krankenkassen nennen dies auch: Die interessierte Selbstgefährdung durch Erfolgserlebnisse; ich verwirkliche und optimiere mich zu Tode.

Ein neues Zauberwort heißt Resilienz. Unempfindlichkeit stärken, individuelle Widerstandskraft stärken gegen diese Selbstgefährdung. Aber auch das kann missbraucht werden. In den ökonomischen Denkfabriken kursieren zur Zeit Konzepte, die darauf abzielen, durch die Stärkung der menschlichen Resilienz seine Belastbarkeit durch die Bedingungen des neoliberalen Kapitalismus zu erhöhen.

Die estnische Gruppe berichtet über den Stand der Dinge in Estland, wo viel gearbeitet wird. Manchmal zu viel. Viele Menschen haben mehrere Arbeitsstellen. Und jeder will erfolgreich sein. Menschen, die nicht so erfolgreich sind, bleiben isoliert von Freunden und Gesellschaft. Das übt eine ganze Menge Druck auf die Menschen aus und sie nehmen jede Art von Risiko auf sich, einschließlich Depression.

Die estnischen Gewerkschaften haben die Verbindung zwischen Arbeitsplatz und Depression erkannt. Weil diese Störung aber nicht als Berufskrankheit anerkannt ist, haben sie diesem Thema bisher wenig Beachtung geschenkt. Sie sehen sich eher als Kämpfer für höhere Löhne und geringere Arbeitszeiten. Aber allmählich erkennen auch sie, dass seelische Probleme am Arbeitsplatz ein Thema sind.

Die belgische Gruppe berichtet, dass in den letzten 12 Jahren die Langzeiterkrankungen mit Burnout um das Dreifache angestiegen sind. Es gibt seit 2007 eine Antimobbing-Gesetzgebung in Belgien, die auch das Burnout berücksichtigt. Im Jahre 2014 wurde das Gesetz auch mit Hilfe der Gewerkschaften überarbeitet. Seitdem wird noch mehr Gewicht auf die Prävention von Burnout gelegt. Arbeitgeber werden stärker verpflichtet, Strategien und Verfahren zu entwickeln, um mit diesem Thema in ihren Unternehmen besser umgehen zu können und Risikoanalysen zum Thema zu erstellen. Spezielle Fragebögen für Arbeitsmediziner und stärkere Kontrollen sind die Folge.

Die deutsche Gruppe berichtet über den Status Quo in Deutschland. Längere Arbeitszeiten ohne Bezahlung, höhere Krankheitsraten zwingen dazu, sich mit dem Thema psychische Erkrankungen durch Arbeit zu befassen. Die Politik ist seit Jahren bemüht, die digitale Infrastruktur in Deutschland auf Weltniveau zu trimmen. Freilich geht es hier nicht um vorbeugende Gesundheitsmaßnahmen an digitalen Arbeitsplätzen. Geschätzte 12 Millionen Menschen sind in Deutschland von seelischen Erkrankungen bedroht. In den letzten 10 Jahren sind dadurch die Krankmeldungen um 50 % angestiegen. Verstärkt machen die Gewerkschaften Befragungen in den Unternehmen, um die psychosozialen Belastungen zu erkunden. Zwar setzen in Deutschland viele unterschiedliche Branchen auf die Effekte der Digitalisierung und rüsten entsprechend um. DOch ist dieser Paradigmenwechsel bei den Sozialpartnern noch nicht wirklich angekommen.

In ihren Arbeitsgruppen haben anschließend drei Gruppen (estnisch, französisch, deutsch) die Aufgabe, die Thematik zu diskutieren und Handlungsempfehlungen zu erarbeiten.

Arbeitsgruppenergebnisse

Die estnische Gruppe

Das jeweilige Problem der Digitalisierung ist zu benennen. Gerade dann, wenn die technischen Möglichkeiten faszinierend sind und die Schattenseiten gerne verdrängt werden. Bewusstsein schaffen! Es wird bisher nicht gesehen, dass der Mensch im Mittelpunkt von allem stehen muss. Daher sollten Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam diskutieren, wie die Digitalisierung und die Robotik den Menschen unterstützen kann, ohne ihn zu ersetzen oder als einflussloses Rädchen im Getriebe auszubeuten, zu entmündigen und die Würde der menschlichen Arbeit zu vernichten. Es muss klar gemacht werden, dass die Maschine nur ein Werkzeug ist und der Mensch das Wichtigste überhaupt ist – auch wenn oft das Gegenteil behauptet wird.

Die französischsprachige Gruppe

Arbeitsstellen gehen verloren. Der Arbeitsrhythmus verändert sich. Aber die Produktivität steigt an. Daher ist eine Arbeitszeitverkürzung das Mittel der Wahl. In den Betrieben kann über Tarifverhandlungen zum Beispiel die so genannte kleine Vollzeitarbeit gefordert werden – also der Ausgleich der bisher erbrachten Intensität und Digitalisierungsgewinne zugunsten der Beschäftigten. Es ist aber auch ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass oftmals die private Freiwilligkeit zur digitalen Arbeit im privaten Bereich zur Selbstausbeutung führt.

Die deutsche Gruppe

Die Gewerkschaften und Betriebsräte müssen intensive Befragungen in den Betrieben vornehmen. Wie empfinden die Beschäftigten ihre digitale Arbeit und ihren Arbeitsplatz. Wie werden sie organisiert. Man braucht aussagefähige Informationen. Gewerkschaften und Betriebsräte müssen sich stärker mit dem Thema Digitalisierte Arbeitswelt befassen. Wichtig ist der Erwerb der sozialen Kompetenz, um die digitale Welt, die Arbeitszeit und die Freizeit voneinander zu entkoppeln. Durch die Veränderung der Tätigkeiten in hochqualifizierte, gut bezahlte und schlechter qualifizierte und bezahlte Bereiche kann es zu einer Spaltung der Gesellschaft führen.

Ausblick

Für die Veranstalter dieses Seminars ist vor allem die Erkenntnis gereift, dass die Digitalisierung der Arbeitswelt auch Chancen bietet, neue, sichere und gesunde Arbeitsstrukturen und ein neues gesellschaftliches Zusammenleben zu schaffen. Sofern die Gefahren in diesem Paradigmenwechsel erkannt und verhindert werden.

„Wir als Handelnde aus den Gewerkschaften, Arbeitnehmerorganisationen, weltlichen und christlichen Bildungseinrichtungen, der Arbeitnehmerbewegung, den Veranstaltern und der Betriebsseelsorge sind Teil der Lösung“ für die präventive Gesundheitsförderung aller ArbeitnehmerInnen aller Altersgruppen in einem Unternehmen. Diese Erkenntnis hilft, neue Wege und Modelle zur Gesundheitsförderung zu entwickeln und sie zu einem wirklichen Schwerpunkt innerhalb der Konzepte von Tarifverhandlungen zum Beispiel zu machen.

Eine weitere wichtige Erkenntnis: Die Digitalisierung in der Arbeitswelt als Paradigmenwechsel wird als Chance gesehen, ganz neue Arbeitsbedingungen und präventive Gesundheitsschutzmaßnahmen entwickeln zu können. Allerdings muss das jetzt geschehen. Auch in den Herzen, im Denken und Handeln der Menschen, die in den Sozialpartnerschaften und in sozialen Dialog Verantwortung haben. Und bei den arbeitenden Menschen, die dieser Entwicklung zum Teil noch skeptisch und ablehnend gegenüberstehen.

 

 

EZA-Bildungsprogramm 2019

Kampagne „Gesunde Arbeitsplätze: Gefährliche Substanzen erkennen und handhaben“

EZA-Sonderprojekt für Arbeitnehmerorganisationen im westlichen Balkan