Von Gewerkschaften zu Arbeitsbeziehungs-Dienstleistern: ein neues Modell

Vom 6. bis 7. Dezember 2018 fand in St. Julians, Malta, ein Seminar zum Thema „Von Gewerkschaften zu Arbeitsbeziehungs-Dienstleistern: ein neues Modell“ statt, das mit Unterstützung von EZA und der Europäischen Union von der UHM (Union Ħaddiema Magħqudin) organisiert wurde. Das Seminar war Teil des wissenschaftlich-praktischen Bildungsprojektes von EZA über „Strategien europäischer Institutionen – Kapazitätsaufbau“.

45 Vertreter von Arbeitnehmerorganisationen aus Malta, Portugal, Serbien, Spanien, Polen, Rumänien, Österreich, Litauen, den Niederlanden, der EJR Mazedonien, Bulgarien und Tschechien nahmen am Seminar teil.

Der wichtigste Aspekt des Projektes bestand darin, Informationen und Wissen dazu zu liefern, wie die aktuellen Dynamiken des Arbeitsmarktes und der Wirtschaft die Arbeit von Gewerkschaften und Arbeitnehmerorganisationen beeinflussen und wie Arbeitnehmerorganisationen weiterhin die treibende Kraft für einen Wandel zu einer menschenwürdigen Arbeit bleiben können. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei der Erläuterung der verschiedenen Aspekte, welche die Arbeit von Gewerkschaften und Arbeitnehmerorganisationen beeinflussen, wie Technologien, Globalisierung, Mobilität und neue Beschäftigungsformen. Durch die unterschiedlichen und hochklassigen Profile der beteiligten Redner war eine umfassende Diskussion möglich und entstand ein vollständiges Bild der Situation, das insbesondere die Perspektiven der EU-Institutionen, wie des Europäischen Parlamentes und des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses, erläuterte. Einige Vorträge konzentrierten sich auf externe Faktoren und eine Kontextanalyse. Dazu gehören beispielsweise die sich verändernden makroökonomischen Wirtschaftsbedingungen sowie technologische Entwicklungen, die direkten Einfluss auf Arbeitsbeziehungen haben. Gleichzeitig fand eine aktive Diskussion zwischen verschiedenen Interessenvertretern darüber statt, wie spezifische Fragen, wie der Zugang zu Informationen über Arbeitsverträge, behandelt werden sollen. Während des gesamten Seminars war es möglich, besser zu verstehen, wie Arbeitnehmerorganisationen dazu beitragen könnten, positive Effekte zu erzielen, und wie sie insbesondere ihre Maßnahmen in neue Realitäten umwandeln könnten. Eine der besprochenen Ideen bestand darin, Arbeitnehmern Online-Lösungen zur Verfügung zu stellen, um die Mindeststandards und Arbeitsbedingungen im Zusammenhang mit ihrer Stelle leichter verstehen zu können. Weitere Beispiele umfassten die Neuorganisation dessen, wie Gewerkschaftsleistungen bereitgestellt werden, wobei man sich stärker auf dezentralisierte Modelle konzentrierte, die eine flexible Reaktion auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Arbeitnehmer erleichtern können. Einige Redner nannten spezifische Schwierigkeiten für Arbeitnehmer-organisationen sowohl im Zusammenhang mit dem politischen Szenario als auch mit den Änderungen auf dem Arbeitsmarkt.

Die Teilnehmer nahmen auch an einer Sitzung teil, bei der Erfahrungen ausgetauscht und Lösungen, die auf Länderebene angenommen worden waren, weiter vorangetrieben wurden, wie z.B.:

  • direkte Einbindung von Studierenden bei der Feststellung ihrer wichtigsten Bedürfnisse durch Fragebögen und Fokusgruppen
  • Ausarbeitung von Informationskampagnen basierend auf dem Ergebnis von Umfragen für Studenten oder spezifische Arbeitnehmerkategorien
  • Aufstellung inklusiver und wirksamer Strukturen für den sozialen Dialog innerhalb von Gewerkschaften
  • Arbeit an der Außendarstellung der Gewerkschaften zur Schaffung einer positiven Wahrnehmung
  • Investitionen in Schulungen und Bildung
  • Bereitstellung von rechtlicher Unterstützung gegenüber Arbeitnehmern
  • Angebot besonderer Vorteile für Mitglieder
  • keine Abkehr von unseren Werten, dafür aber Ergreifen von Maßnahmen zur Gewährleistung von Gleichberechtigung
  • Einrichtung transparenter Systeme zur Gebührenerfassung und Verwaltung und Entwicklung von Datenbanksystemen zu Mitgliedschaften

Am zweiten Tag konzentrierte sich die Arbeit auf die Aspekte des Wandels, den Gewerkschaften und Arbeitnehmerorganisationen intern vornehmen müssen, um die neuen Herausforderungen meistern zu können.

Das Projekt befasste sich mit einer Frage, die aktuell ganz oben auf der Agenda der EU steht und mit der alle nationalen EU-Wirtschaften zu kämpfen haben, und zwar die sich verändernde Arbeitswelt. Die Entwicklung der Wirtschaft zu einer Gig-Ökonomie zusammen mit den sich daraus ergebenden strukturellen Änderungen beim Schutz der Arbeitnehmerrechte ist ein gemeinsamer Trend auf EU-Ebene. Angesichts der jüngsten Entwicklungen war es für die Gewerkschaften und Arbeitnehmer-organisationen sehr wichtig, etwas über die Faktoren zu erfahren, die diese Änderungen bestimmen, um dann besser überlegen zu können, wie mit ihnen umzugehen ist.

Das Seminar war daher das ideale Forum für Arbeitnehmervertreter, um ihre Rolle und ihren möglichen Beitrag zu dieser Frage besser verstehen zu können. Während der Diskussionen wurden die folgenden Schlüsselbereiche herausgestellt:

  • politischer und wirtschaftlicher Kontext
  • Änderungsmanagement und Veränderungen innerhalb der Organisationen

Diese Schlüsselbereiche sind die wichtigsten Faktoren bei der Festlegung der Notwendigkeit zu Veränderungen in den Modellen der Arbeitnehmerorganisationen.

Politische und wirtschaftliche Entwicklungen bilden neue Beschäftigungsverhältnisse, wie wir es bei der Digitalisierung ganz deutlich erlebt haben.

Das Änderungsmanagement und interne Veränderungen sind eine weitere wesentliche Dimension für die Zukunft von Gewerkschaften, da es von ihrer Kapazität abhängt, das sich entwickelnde Szenario anzunehmen, das ihre Entwicklung und ihr Überleben bestimmt.

Aus dem Seminar geht ganz eindeutig hervor, dass die Lösungen zur Meisterung der neuen Herausforderungen innerhalb der Organisationen selbst beginnen müssen und dass ein Änderungsmanagement diesen Prozess erleichtern kann.

Die folgenden Themenbereiche wurden besprochen:

  • Gewerkschaften in einer sich verändernden Welt: Position und Beitrag des EWSA zur Europäischen Säule sozialer Rechte
  • Industrie 4.0 und die Rolle von Gewerkschaften am Arbeitsplatz
  • Neue Modelle für Gewerkschaften als Reaktion auf neue Bedürfnisse
  • Treibende Kräfte für einen Wandel und eine Landschaft neu entstehender Beschäftigungen
  • Erfahrungen mit Änderungen und Modernisierungen in Gewerkschaften und Arbeitnehmerorganisationen
  • Neuerungen in Gewerkschaften, um die neuen Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt meistern zu können
  • Änderungsmanagement in komplexen Organisationen 
  • Neue Realitäten in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt: was sollten Gewerkschaften tun?

Dr. Roberta Metsola, MdEP, hielt eine Grundsatzrede, in der ein ganz klares und vollständiges Bild der Herausforderungen in Verbindung mit einem sich weiter-entwickelnden Arbeitsmarkt gezeichnet wurde.

Prof. Joaquim James Calleja, CEO und Leiter des MCAST sowie früherer Vorsitzender des CEDEFOP, machte wichtige Anmerkungen zur Industrie 4.0 und den Heraus-forderungen für Gewerkschaften, wobei er Fragen hervorhob, bei denen Arbeitnehmerorganisationen aktiv ihren Beitrag leisten könnten.

Dr. Philip von Brockdorff, der die UHM im EWSA vertrat, hielt einen Vortrag, bei dem er sich  ausgehend von der Kontextanalyse ausführlich mit dem Vorschlag konkreter Maßnahmen befasste, die auf Gewerkschaftsebene ergriffen werden sollten, um die Herausforderungen zu meistern.

Dr. Joseph FX Zahra, früherer Vorstandsvorsitzender der Bank of Valletta und Berater von Papst Franziskus für Wirtschafts- und Finanzreformen im Vatikan, ist aus organisatorischer Sicht Experte im Bereich Änderungsmanagement. Er erläuterte die entscheidenden Faktoren, die Veränderungen in komplexen Organisationen bestimmen.

Projektergebnisse

  • Die Teilnehmer erhielten einen gründlichen Überblick über die Europäische Säule sozialer Rechte.
  • Die Teilnehmer wurden mit verschiedenen Arten von Lösungen für das diskutierte Problem konfrontiert, sowohl auf lokaler als auch auf internationaler Ebene. 
  • Die Teilnehmer begrüßten das Thema und die verschiedenen Heraus-forderungen im Zusammenhang mit makroökonomischen Szenarien auf EU-Ebene.
  • Die Teilnehmer verstanden die Auswirkungen der verschiedenen Grundsätze der EU-Säule und die Frage, wie ihre Organisationen zu ihrer Umsetzung beitragen können, besser.

Die betreffenden Organisationen vertreten die Bedürfnisse von Arbeitnehmern sowie ihre eigenen Bedürfnisse und es ist von äußerstem Interesse, Ideen und Methoden, wie die neuen Herausforderungen unseres Arbeitsmarktes zu meistern sind, auszutauschen. Für die Vertreter von Arbeitnehmerorganisationen ist es zudem wichtig, die zukünftigen Dynamiken und möglichen Entwicklungen auf Makroebene zu verstehen, um einen besseren Beitrag für die politische Entwicklung leisten zu können. Alle Teilnehmer können die während des Seminars bereitgestellten Informationen und Daten bei ihrer täglichen Arbeit verwenden.

 

EZA-Bildungsprogramm 2019

Kampagne „Gesunde Arbeitsplätze: Gefährliche Substanzen erkennen und handhaben“

Deutscher Betriebsrätetag 2019 in Bonn