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Kapazitätsaufbau von Arbeitnehmerorganisationen – das künftige Bild von Arbeitnehmerorganisationen angesichts sich verändernder Rahmenbedingungen

„Haben die Gewerkschaften eine Zukunft?" Das war die zentrale Frage während eines zweitägigen Seminars, das in Palma de Mallorca, Spanien, stattfand. Das Seminar, das von Krifa (Kristelig Fagbevægelse) und der World Organization of Workers (WOW) in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Zentrum für Arbeitnehmerfragen (EZA) organisiert und von der Europäischen Union unterstützt wurde, war Teil des wissenschaftlich-praktischen Bildungsprojekts von EZA zum Thema „Strategien europäischer Institutionen – Kapazitätsaufbau". Im Mittelpunkt stand die heutzutage für die Gewerkschaften wichtigste Frage: Wie kann man weiterhin relevant bleiben und wie lässt sich dies erreichen?

Vom 6. bis 8. Februar 2019 nahmen mehr als 50 Teilnehmer aus 14 verschiedenen EU-Ländern an diesem hochaktuellen Seminar mit dem Titel „Kapazitätsaufbau von Arbeitnehmerorganisationen – das künftige Bild von Arbeitnehmerorganisationen angesichts sich verändernder Rahmenbedingungen" teil. Gewerkschaften haben heute mit ihrem Image zu kämpfen. Dafür gibt es eine Reihe von sehr unterschiedlichen Gründen. Am wichtigsten für die Gewerkschaften ist es, weiterhin von Interesse zu sein und relevant zu bleiben und/oder wieder relevant zu werden. Dies ist eine große Herausforderung für Gewerkschaften, die lange Zeit starke Positionen eingenommen haben und vielleicht nicht rechtzeitig auf die sich abzeichnende Veränderungen reagiert haben.

Der Vorsitzende von Krifa, Søren Fibiger Olesen, eröffnete das Seminar mit der Feststellung, dass trotz aller Herausforderungen sowohl im Weltgeschehen als auch bei den Gewerkschaften eine Welt ohne Gewerkschaften kaum vorstellbar ist. Fritz Neugebauer von EZA bestätigte, dass es tatsächlich eine Vielzahl von Herausforderungen gibt. In Europa ist zu erkennen, dass die soziale Komponente unter Druck steht. Die Gewerkschaftsbewegung ist im Wesentlichen eine soziale Bewegung, und so gibt es mit Sicherheit eine Zukunft für die Gewerkschaften. Mehr denn je!

María Luz Rodríguez Fernández zeigte in ihrem Beitrag mit dem Titel „Organisation und Strategie der Gewerkschaft angesichts der Herausforderungen der technologischen Revolution", dass eine neue Art von Gewerkschaftsgeist, zumindest in Spanien, zu einer neuen Begeisterung für die Bewegung führt. Neue Zeiten erfordern ein proaktives Vorgehen. Es wird unerlässlich sein, klassische gewerkschaftliche Aktivitäten mit innovativen gewerkschaftlichen Initiativen zu kombinieren.

Die Strategien der Gewerkschaft der Zukunft sind sehr vielfältig. Es gibt zahlreiche Faktoren, warum eine Person Mitglied einer Gewerkschaft wird oder nicht. Um diese Gründe zu verstehen, müssen die Gewerkschaften alle Faktoren untersuchen, die die Gewerkschaftszugehörigkeit erklären. Karin Schönplug wies darauf hin, dass Gewerkschaftsarbeit als (strukturelles, relationales, kognitives) Sozialkapital betrachtet werden sollte. Darüber hinaus müssen die Gewerkschaften in einer hypermobilen Arbeitswelt Strategien finden und Entscheidungen treffen.

In einer solchen hypermobilen Welt relevant zu bleiben, ist nicht einfach. Die Digitalisierung erschwert dies zusätzlich. Sicherlich als eine wertorientierte Organisation. Thomas Bank Møller wies darauf hin, dass es keinen Sinn macht, sich den Entwicklungen entgegenzustellen. Stattdessen müssen wir sie annehmen. Die Mitglieder erwarten von einer Organisation, dass sie digitale Dienste anbietet. „Jede Strategie von Krifa leitet sich aus dem Leitbild ab, und für uns ist das WARUM für alles, was wir tun, sehr wichtig. Wir fragen uns fortwährend, WARUM, und die Antwort muss sich aus unseren Grundwerten und dem Leitbild ableiten.“ Trotz allem sind also neue Werte unerlässlich.

Strategien sind nicht überall gleich. In postsozialistischen Ländern ist die Situation eine ganz andere. Artjoms Ivlevs erklärte: „In den letzten 20 Jahren ist die Gewerkschaftszugehörigkeit weltweit gesunken, am meisten aber in der postsozialistischen Welt" Die Gründe für die sinkenden Mitgliedszahlen liegen darin, dass den Gewerkschaften nicht vertraut wird. Die Wahrnehmung der Menschen ist, dass „Gewerkschaften nicht effektiv und irrelevant sind, nicht autonom handeln können, konservativ sind und ihre Mitglieder nicht mobilisieren können, „zahnlos" sind. Trotz alledem sind und bleiben die Gewerkschaften von Bedeutung. Statistiken zeigen, dass „die Gewerkschaftsmitglieder in Krisenzeiten eher ihren Arbeitsplatz behalten".

Paul de Beer verdeutlichte, dass es in den Niederlanden eine „Machtverlagerung von den Gewerkschaften zu den Arbeitgebern" gibt, dass die Arbeitgeber Tarifverhandlungen für ihre eigenen Interessen nutzen und dass das Gleichgewicht zwischen wirtschaftlichen und sozialen Interessen verloren geht". Aus diesem Grund ist eine „gewerkschaftliche Interessenvertretung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer" nach wie vor dringend erforderlich. Aber wie können die Gewerkschaften dies erreichen und werden sie in der Lage sein, dies zu erreichen? Paul de Beer schlägt zwei Möglichkeiten vor: (1) Erneuerung der Gewerkschaften auf der Grundlage des bestehenden Modells; (2) Ein neues „Geschäftsmodell" für Gewerkschaften (auf der Grundlage von Wahlen anstelle von Mitgliedschaft oder finanziert aus dem Pflichtbeitrag aller Beschäftigten).

Mark Freeman betonte, dass die Gewerkschaften stets offen für Veränderungen sein und sich an die neuen Gegebenheiten anpassen müssen. Darüber hinaus müssen die Gewerkschaften in Großbritannien ihren Mitgliedern mehr Gehör schenken. Die Mitglieder sollten entscheiden können. Sie sollten als die Spitze der Pyramide betrachtet werden (d.h. das klassische Dreieck umkehren). Außerdem müssen auch die Jüngeren mehr einbezogen werden. Wenn man die Jüngeren für die Zukunft hält, dann sollte man ihnen auch zuhören und Worten Taten folgen lassen. Bis heute ist dies nicht der Fall.

Die allgemeine Auffassung aller Teilnehmer ist, dass sich die Gewerkschaften wirklich verändern müssen, um relevant zu bleiben. Positiv war, dass alle Anwesenden der Meinung waren, dass den Gewerkschaften die Zukunft gehört und sie auch weiterhin eine wichtige Rolle auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft als Ganzes spielen werden.



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