Arbeitnehmerorganisationen 4.0: Arbeitnehmer auf der Suche nach mehr menschlicher Würde im neuen Zeitalter

Vom 5. bis 6. Oktober 2018 fand in Čatež ob Savi in Slowenien ein Seminar über „Arbeitnehmerorganisationen 4.0: Arbeitnehmer auf der Suche nach mehr menschlicher Würde im neuen Zeitalter“ statt, das von ZD NSi (Združenje delavcev Nove Slovenije) mit Unterstützung von EZA und der Europäischen Union organisiert wurde. Das Seminar war Teil der EZA-Projektkoordinierung zum Thema „Neue Arbeitsbeziehungen: Digitalisierung und gewerkschaftliche Strategien".

Das Hauptziel des Seminars war es, die Rolle der Arbeitnehmervertreter und der Arbeitnehmerorganisationen im Zusammenhang mit den veränderten Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt, die durch die vierte industrielle Revolution gekennzeichnet sind, zu ermitteln.

Der Inhalt des Seminars war eine Fortsetzung des vorherigen, das von denselben Partnern im Januar 2018 unter dem Titel Worker 4.0 organisiert wurde.  Während dieses vorherigen Seminars haben wir uns vor allem mit den Auswirkungen der vierten industriellen Revolution auf den Arbeitnehmer als Individuum beschäftigt. Diesmal lag der Schwerpunkt auf den Arbeitnehmerorganisationen, da sie die in ihnen aufgenommenen Arbeitnehmer vertreten.

Die vierte industrielle Revolution eröffnet der Arbeitswelt zwei Seiten einer Medaille - Chancen und Risiken. Häufig werden sowohl Chancen als auch Risiken durch die gleichen Faktoren abgebildet. Flexible Arbeitszeiten zum Beispiel können sowohl eine Chance als auch ein Risiko sein. Neben den Risiken wurden im Seminar auch die psychosozialen Folgen der Nutzung von elektronischen Geräten für dienstliche Zwecke nach Ablauf des formalen Arbeitstages aufgezeigt. So kann beispielsweise durch das Abrufen von E-Mails am Abend die Arbeitsbelastung des Mitarbeiters ohne jegliche Kontrolle erheblich verlängert werden.

Nach der vierten industriellen Revolution wird der Arbeiter zum wichtigsten Kapital des Unternehmens. Die Anzahl der in den Arbeitsmarkt eintretenden Personen ist viel geringer als die Anzahl derjenigen, die den Arbeitsmarkt verlassen, oft um bis zu 50 %. In vielen Berufen steht nicht mehr der Kampf um Arbeitsplätze unter den Arbeitnehmern im Vordergrund, sondern der Kampf der Unternehmen um Arbeitskräfte. Es ist anzumerken, dass dieses Paradigma nur für hoch qualifiziertes Personal gilt.

Bei den Qualifikationen verliert die formale Ausbildung immer mehr an Bedeutung. Das Bildungssystem bringt häufig nicht das Personal hervor, das der Arbeitsmarkt benötigt. Die rasante technologische Entwicklung erschwert es den Lehrkräften zusätzlich, da sich in bestimmten Berufen die Wissensinhalte alle paar Jahre ändern. Auch die Arbeitgeber achten zunehmend auf die tatsächlichen Fähigkeiten und nicht auf den Bildungsstand. Durch Robotisierung und Automatisierung ist die Umstellung auf Arbeitsplätze mit hoher Wertschöpfung notwendig, was nur durch lebenslanges Lernen erreicht werden kann. Dennoch verfügen heute immerhin 37 % der Arbeitnehmer in der EU nicht über ausreichende e-Skills, um ihren Beruf erfolgreich ausüben zu können.

Wenngleich fehlende lebenslange Weiterbildung die Schwäche der älteren Arbeitnehmer ist, stehen die jungen (Millenials) beim Eintritt in den Arbeitsmarkt vor besonderen Herausforderungen. Die folgenden Themen wurden im Seminar behandelt:

• Die Diskrepanz zwischen den im Laufe des formalen Ausbildungsprozesses erworbenen Kompetenzen und denjenigen, die von Arbeitgebern erwartet werden,

• Ein großer Teil der jungen Menschen wurde nicht durch die Umstände gezwungen, wichtige Entscheidungen zu treffen, und in der Folge sehen sie sich nun einem spürbaren Mangel an der Fähigkeit des Selbstmanagements gegenüber;

• Das Aufwachsen im Wohlstand ist mit steigenden Anforderungen junger Menschen an ihre Arbeitgeber verbunden;

• Ihre Abhängigkeit von sozialen Netzwerken und die ständige Notwendigkeit, mit mobilen Geräten in Kontakt zu sein;

• Mangelnde Übernahme von Verantwortung und einschlägige Berufserfahrung.

Die Arbeitnehmerorganisationen versuchen, verschiedene Altersklassen von Arbeitnehmern mit zunehmend spürbaren Unterschieden in den Bedürfnissen in ihre Struktur einzubeziehen. Auch die Ziele für die Beteiligung einzelner Personen in Arbeitnehmerorganisationen sind anders zu betrachten. Die Interessen der Arbeitnehmer sind sehr unterschiedlich, da die Umstände, unter denen sie arbeiten (immer kleinere Verbände), immer unterschiedlicher werden. In der Vergangenheit war es viel einfacher, homogene Gruppen von Arbeitnehmern in einem bestimmten Unternehmen zu führen und zu vertreten.

Mitglieder von Arbeitnehmerorganisationen übernehmen zunehmend die Rolle des Kunden und die Organisation selbst die Rolle des Dienstleisters. Es muss darüber nachgedacht werden, welche Leistungen für die einzelnen Zielgruppen von Arbeitnehmern wirklich wichtig sind. Aber auch die Bedeutung informeller Beziehungen wurde deutlich, da sie langfristig Gemeinschaften aufbauen und dazu beitragen können, das Sozialkapital zu entdecken, das einzelne Mitglieder einbringen und in Organisationen investieren können.

Die Themen der Interessenvertretung, die wir als wichtig für die Gestaltung der Agenda der Arbeitnehmerorganisationen heute betrachten, sind die folgenden:

  • Mindestvorschriften für die Arbeitsbedingungen auf nationaler und europäischer Ebene,
  • Neue Arbeitsformen (Online-Plattformen, Projektintegration, Crowdfunding...) und damit verbundene Rechte und Verträge,
  • Der Kampf gegen Benachteiligung, die durch die Digitalisierung vertieft werden könnte (aufgrund von Qualifikationen, Generationenunterschieden...),
  • Das Engagement für lebenslanges Lernen aufgrund der rasanten technologischen Entwicklung,
  • Arbeitsschutz: Teilnahme an Risikobewertungen auf Unternehmensebene, Belastungsmessung...
  • Datenschutz: Welche Daten über Arbeitnehmer Unternehmen erfassen können und was mit ihnen passieren kann (Fingerabdrücke, Augenscannen, elektronische Armbandkontrolle...),
  • Entwicklung von Rechtsvorschriften, die die Mitentscheidung der Arbeitnehmer verbessern würden,
  • Vernetzung von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerorganisationen mit globalen Netzwerken.

Immer mehr Arbeitnehmer, damit kommende Generationen eine qualitativ hochwertige Arbeit als Schlüsselfaktor erkennen und einstufen können. Darüber hinaus werden neben der Vergütung viele weitere Faktoren genannt: die Möglichkeit, neue Fähigkeiten und Kenntnisse zu erwerben, Gesundheits- und Sicherheitsaspekte, die Arbeitszeitflexibilität, die Arbeitsplatzflexibilität und -sicherheit sowie die Möglichkeit der Mitentscheidung und Mitbestimmung. Arbeitnehmerorganisationen haben die Möglichkeit, all diese Parameter weiter zu untersuchen und zu verbessern.

 

 

 

 

EZA-Bildungsprogramm 2019

Kampagne „Gesunde Arbeitsplätze: Gefährliche Substanzen erkennen und handhaben“

Deutscher Betriebsrätetag 2019 in Bonn