Digitale Arbeitswelt – Industrie 4.0

Vom 8. bis 10. September 2017 fand in Velehrad, Tschechien, ein Seminar zum Thema „Digitale Arbeitswelt – Industrie 4.0“ statt, organisiert von KAP (Hnutí „Křesťan a práce“), mit Unterstützung von EZA und der Europäischen Union. Das Seminar war Teil der EZA-Projektkoordinierung zum Thema „Auswirkungen der digitalen Arbeitswelt auf das Leben der Arbeitnehmer und ihrer Familien – sozialethische Überlegungen“. 100 Vertreter von Arbeitnehmerorganisationen aus Polen, Deutschland, Österreich, Slowakei, Italien, Albanien und Tschechien nahmen am Seminar teil.

Ziel des Seminars war es, die dringenden Herausforderungen an die Gesellschaft sowohl in nationalem, als auch europäischem und globalem Zusammenhang hinsichtlich des Konzeptes von „Industrie 4.0“ zu diskutieren. Auch wenn die Öffentlichkeit in Tschechien wenig darauf vorbereitet ist, so werden sich dadurch sowohl der Lebensstil, als auch die Einstellungen dazu ändern. Deshalb ist ein Umdenken bei der Anwendung neuer Prozesse nötig. Betont wurden nicht nur die Chancen der digitalen Ära, sondern auch davon ausgehende mögliche Bedrohung, und zwar vor allem in der sozialen Sphäre, wo besonders Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt, die Arbeitslosigkeit, die Requalifizierung und im Hinblick auf die Prävention sozialer Spannungen zu erwarten sind.

Das Seminars wurde auch dadurch bereichert, dass die diskutierten Probleme mit Erfahrungen aus verschiedenen europäischen Ländern verglichen werden konnten. Wie die Beiträge aus Albanien, Polen, aus der Slowakei, aus Italien und Tschechien zeigten, sind die Probleme der Industrie 4.0 im Grunde genommen quer durch Europa sehr ähnlich.

Wichtige Aspekte des Seminars

Die meisten grundlegenden Vorträge ergänzten das gegebene Thema mit Überlegungen aus der Position der kirchlichen Soziallehre, einschlließlich der päpstliche Enzyklika Laudato si. Und wurden durch Diskussionen mit den Teilnehmenden angereichert.  

Ergebnisse des Seminars

Den  Teilnehmern wurde die Komplexität des behandelten Themas, sowie die Unumgänglichkeit des Findens von Lösungen für entsprechende Problemlagen auf Grund der interdisziplinären Zusammenarbeit im Rahmen Europas und weltweit bewusst. Neben den technischen und den derzeit absehbaren sozialen Dimensionen,  müssen auch die Ethik, einschließlich aller ethischen Dilemmata aufgegriffen werden. Viele digitale Fragen bedürfen auch Lösungen in der Familienpolitik, der Erziehung und bezüglich der komplexer werdenden Ausbildung  in der Zukunft.

Die Zukunft der digitalen Ära ist eine Vision für die ganze Gesellschaft, nicht nur für die junge Generation. Sie wird auf der Zusammenarbeit zwichen den Generationen beruhen. Ein großes Plus des Seminars  war die Arbeit in drei Gruppen, die nach Alter der Teilnehmer gebildet worden waren. Die Ergebnisse wurden dann bei der anschließenden Abschlussdiskussion verglichen. In allen Gruppen wurde die Meinung geäußert, dass die neue Technologie den Menschen zum Frieden und nicht zur finaziellen Bereicherung der Einzelnen und Gruppen und nicht zu Kriegszwecken dienen solle. Außerordentlich wichtig ist es, die wirkliche Sicherheit der neuen Technologien zu sichern. Es wurde empfohlen, bei den nächsten Seminaren der Diskussion dazu noch mehr Raum zu gewähren. Das nächste Seminar sollte sich auf die Stellung der Familie in der digitalen Ära konzentrieren.

Im Rahmen des Programms  wurde in einer Podiumsdiskussion auch das Erbe des Pädagogen J. A. Komenský (J. A. Comenius, 1598-1670)  thematisiert und ein Film über sein Leben und Schaffen gezeigt. Hervorgehoben wurde auch die Notwendigkeit, auch in der digitalen Ära das nationale und regionale Kulturerbe zu erhalten.

Für die Verwirklichung eines “gemeinsamen Hauses” in Europa ist es unumgänglich, die europäischen christlichen Werte anzuwenden, weil der europäischen Gesellschaft zur Zeit die erforderliche wertmäßige Verankerung fehlt. Wichtig ist auch die Einbeziehung komplexen wissenschaftlichen Herangehens zum Studium der Zukunft und das Engagement der Zivilgesellschaft.

Die digitale Ära hat das Potential und die Chance  eine Gesellschaft zu bilden, in der jeder Mensch in voller Würde leben kann. Das  Seminar hat die Herausforderung angenommen, dass jeder durch sein persönliches Beispiel  in seinem  Wirkungskreis aktiv das Geschehen in der Gesellschaft beieinflussen solle.

 Von Bedeutung waren auch die informellen Diskussionen in den Pausen, die zur Verfügung stehenden Informationsmaterialien, Dokumetationen aus vorherigen Seminaren, Bücher, Zeitschriften und Pinnwänden.

Die Teilnehmer haben eine Erklärung angenommen. Deren Schlussfolgerungen sollen an nationale und internationale Organisationen weitergegeben werden.

Erklärung

Die Seminarteilnehmer waren sich einig, dass die Digitalisierung in der gegenwärtigen Arbeitswelt eine allgemein verbreitete Erscheinung darstellt, die gewisse Risiken mit sich bringt, gleichzeitig aber neue Gelegenheiten und Chancen bringt. Zweifelsohne werden sich die Digitalisierung und die Robotisierung in der Zukunft immer intensiver nicht nur auf die Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sondern auch auf deren Familien und das breite Umfeld auswirken. Unumgänglich werden Änderungen im Bildungssystem sein, das immer mehr die Schlüsselkompetenzen der zu Bildenden wird entwickeln müssen, vor allen Dingen die Fähigkeit zu kritischem Denken und zur Lösung von Problemen. 

            Der überaus grundlegende Wert, der auch in der Zukunft zu bewahren ist, ist die Beibehaltung des hohen Niveaus der zwischenmenschlichen Beziehungen, die auf Solidarität und gegenseitiger Toleranz beruhen, wo auch ein richtig verstandener Sinn für Opfer seinen Platz haben wird, die Bereitschaft, eigene Annehmlichkeiten zu Gunsten der anderen einzuschränken. Grundbedingung für die positive Entwicklung der Gesellschaft ist es, die ethischen Prinzipien zu respektieren, ein Umfeld des Friedens zu schaffen, in dem es Raum zur harmonischen Entwicklung des Einzelnen, der Familie (als Gemeinschaft von Mann und Frau), sowie der ganzen Gesellschaft geben wird.

            Die digitale Ära stellt ohne Zweifel in vielerlei Hinsicht eine bestimmte Erleichterung des Lebens dar. Technische Mittel können zur effektiveren Nutzung der Freizeit, zur größeren Flexibilität und zur schnelleren Erfüllung von Arbeiten beitragen. Mit der dank neuer Technologien gewonnenen Zeit, muss jedoch wie mit einer Gabe Gottes umgegangen werden. Diese eingesparte Zeit darf nicht nur eigenen Interessen und persönlichem Gewinn gewidmet werden.

            Die Triebkraft des technologischen Fortschritts dürfen nicht die Bemühungen der Arbeitgeber, vor allem die der transnationalen Unternehmen sein,  größeren Gewinn zu erzielen, ohne die Rechte der Arbeitnehmer zu respektieren, ohne würdige Arbeitsbedingungen zu sichern und ohne zu vermeiden, dass die Umwelt maßlos belastet wird. Die menschliche Tätigkeit muss so geregelt werden, dass „das gemeinsame zu Hause“ nicht vernichtet wird. (Papst Franziskus, Laudato sí).

            Zum Schluss stellen die Teilnehmer fest, dass der technische und gesellschaftliche Fortschritt zur Harmonisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen in der Gesellschaft zu nutzen ist, so dass es für jeden Menschen möglich sei, in voller menschlicher Würde zu leben. Zur Verbreitung der geeigneten Moralwerte sollte jeder Einzelne durch sein eigenes Beispiel beitragen.

Die Teilnehmer rufen alle verantwortlichen politischen Funktionäre, Arbeitsnehmerorganisationen, Gewerkschaften, NROen, Vereinigungen und andere Subjekte  auf, sich in der kommenden digitalen Ära für würdige Lebensbedingungen einzusetzen, ethische Prinzipien zu verteidigen und zur Harmonisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen im Sinne der kirchlichen Soziallehre beizutragen.

 

 

 

 

 

EZA-Bildungsprogramm 2019

Kampagne „Gesunde Arbeitsplätze: Gefährliche Substanzen erkennen und handhaben“

Deutscher Betriebsrätetag 2019 in Bonn