Das hundertjährige Bestehen der ILO – ein Rückblick. Das zweihundertjährige Bestehen – ein Ausblick

Rede von Luc Cortebeeck, Vorsitzender des Verwaltungsrats der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), bei der Generalversammlung des Europäischen Zentrums für Arbeitnehmerfragen (EZA) in Kopenhagen, Dänemark, am 2. Dezember 2017

Vielen Dank für Ihre freundliche Einladung. Wir leben in einer hektischen und schwierigen Zeit und dies spüren wir insbesondere bei der ILO. Das ist für Sie sehr interessant, da EZA im letzten Jahr der Beobachterstatus bei der ILO zuerkannt wurde. Außerdem stehen Sie im Kontakt mit Pierre Martinot Lagarde, Jesuit und Sonderberater der ILO für sozialreligiöse Fragen, der in Vorbereitung auf das einhundertjährige Bestehen der ILO eine gemeinsame Veranstaltung für sozial-christliche Arbeitnehmer/innen und Arbeitnehmerorganisationen zur Zukunft der Arbeit organisieren wird.

Sie haben mich gebeten, hundert Jahre in die Vergangenheit zu blicken und einen Ausblick in die Zukunft auf unser 200-jähriges Bestehen zu wagen. Keine leichte Aufgabe, weil ich vor 100 Jahren noch nicht geboren war und im Jahr 2119 nicht mehr auf dieser Erde weilen werde. Was das erste Problem betrifft, hilft mir die Geschichte, die andere verfasst haben. Meine geschichtlichen Fragen finden Antworten in Geschichtsbüchern und Gesprächen mit Kari Tapiola, dem früheren Exekutivdirektor und stellvertretenden Generalsekretär der ILO, über seine Texte.

Beim zweiten Problem – der Situation im Jahr 2119 – sitzen Sie im gleichen Boot wie ich: Sie werden niemals erfahren, ob das, was ich Ihnen heute sage, eintreten wird oder nicht. Lassen Sie uns trotzdem einen Versuch wagen.

Ich möchte zunächst den US-amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt nennen. Er sprach 1941 zu einer Tripartistischen Konferenz der ILO im Weißen Haus. Dabei schaute er auf die Anfänge der ILO zurück, an denen er persönlich beteiligt gewesen war.

Im Rückblick auf das 1919 sagte Roosevelt: „Damals war die ILO noch ein Traum. Wer hatte je davon gehört, dass sich die Regierungen zusammentun, um die Arbeitsstandards auf internationaler Ebene anzuheben? Noch abstruser war der Gedanke, dass die unmittelbar Betroffenen – die Arbeitnehmer/innen und Arbeitgeber der verschiedenen Länder – ein Mitspracherecht haben sollten, um mit den Regierungen diese Arbeitsstandards festzulegen.

Die Worte von Franklin D. Roosevelt waren nicht nur Rhetorik. Er beschrieb die historischen Veränderungen in Arbeitsrecht und -praxis, die durch die Gründung der ILO bestätigt und institutionalisiert wurden. Als die Friedensverhandlungen 1919 in Paris begannen, vernahm der Großteil der Öffentlichkeit überrascht, dass einer der Tagesordnungspunkte dem internationalen Arbeitsrecht gewidmet war.

Die Journalisten reagierten verwundert, als der französische Premierminister Georges Clemenceau dies zu Beginn der Verhandlungen bekannt gab. Dennoch schlug die Arbeitskommission der Pariser Friedensverhandlungen nach nur wenigen Monaten intensiver Gespräche vor, eine dauerhafte tripartistische Organisation zu gründen, die internationale Arbeitsstandards festlegen und überwachen sollte. Seien wir ehrlich: Ein solch großer Schritt wäre in der heutigen Zeit undenkbar. Die ILO leistete gute Arbeit und entwickelte sich weiter, während der Völkerbund – ein weiteres Ergebnis des Versailler Vertrags – einige Jahre später angesichts der schlechten Nachrichten – ein Zweiter Weltkrieg – und der besseren Nachrichten – der Geburtsstunde der Vereinten Nationen 1945 – aufgelöst wurde.

Für die Verhandlungsführer war klar, dass sie ein Lösungsmodell für die soziale Katastrophe im bevorstehenden Industriezeitalter finden mussten. Verschiedene Lösungsansätze standen im Wettstreit: der Sozialismus, die kommunistische Revolution 1917 in Sankt Petersburg und der christliche Lösungsansatz mit der Enzyklika Rerum Novarum (1891) von Papst Leo XIII.

Die Arbeitgeber waren über die ILO nicht begeistert. Aber einige fanden, dass die neuen tripartistischen Strukturen eine sinnvolle Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften in Situationen fördern könnten, in denen beide Seiten der Meinung waren, dass die staatlichen Interventionsversuche eingedämmt werden sollten (angesichts der Ereignisse in Russland).

Nicht alle Gewerkschaften waren vom Nutzen der ILO überzeugt, einige sahen sie als Form der klassenübergreifenden Zusammenarbeit. Die Anerkennung der beiden Seiten als Tarifvertragsparteien wurde erst kurz vor dem Zweiten Weltkrieg Realität.

Diese Erfahrung machte auch Albert Thomas, der erste Generaldirektor, bei seinen Besuchen in den Mitgliedstaaten im ersten Jahrzehnt des Bestehens der ILO. In den einzelnen Ländern war die tripartistische Idee weiterhin ein fernes Ziel.

Dennoch wurden auf internationale Ebene Übereinkommen ausgehandelt und verabschiedet. Und diese Methode hatte großen Einfluss in den Mitgliedstaaten. Zunächst übernahmen einige europäische Mitgliedstaaten das Modell und bauten darauf das sogenannte europäische Sozialmodell auf. In den Vereinigten Staaten funktionierte das Modell anders. In einigen Entwicklungsländern wurde das Modell von den Kolonialherren und deren Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen eingeführt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zahlreiche Übereinkommen verhandelt und beschlossen. Zu dieser Zeit folgten diese Übereinkommen teilweise dem angelsächsischen Ansatz, vermutlich aber stärker dem der westeuropäischen Mitgliedstaaten. Daher waren die Vereinigungsfreiheit, die Verhandlungsfreiheit und das Streikrecht wichtige Themen. Die Regierungen Westeuropas waren im Allgemeinen eher wie ihre Arbeitgeber und Arbeitnehmer/innen für eine soziale Marktwirtschaft und gegen das zentralistische kommunistische Modell. In den Archiven der ILO findet man Wortbeiträge der Arbeitgeber, in denen sie sich als Gegenreaktion auf das sowjetische Modell für das Streikrecht einsetzen.

In diesen Zeiten war auch die Arbeit der ILO in starkem Maße durch den Kalten Krieg geprägt und die Dritte Welt hatte, um es ganz diplomatisch zu sagen, keinen großen Einfluss.

Mitte der 1980er Jahre wurde das Kooperations- und Konsensmodell in der OECD zunehmend infragegestellt, während es gleichzeitig auf europäischer Ebene stärker institutionalisiert wurde. Auf Initiative von Jacques Delors, dem Präsidenten der Europäischen Kommission, wurde der „soziale Dialog“ 1985 in der Europäischen Union mit einem Verfassungsauftrag ausgestattet.

Mit dem Mauerfall 1989 veränderte sich einiges. Er gehörte zu den wesentlichen Treibern der Globalisierung. Mit dem „Konsens von Washington“ trieben Reagan und Thatcher den Neoliberalismus mit Privatisierung, Deregulierung und einem unregulierten Markt voran. Das Modell der sozialen Marktwirtschaft geriet unter Druck.

Als Gegenentwurf entwickelten viele Nichtregierungsorganisationen die Idee von „Sozialklauseln“ in Handelsabkommen. Die Entwicklungsländer lehnten dies ab, weil bei ihnen der Eindruck entstand, es handele sich um ein neues Instrument des Protektionismus aus dem Lager der reichen Industrienationen.

Die Welthandelsorganisation entstand 1995, konnte aber nie Erfolge verzeichnen. Die Konferenz der Wirtschafts- und Handelsminister der WTO 1999 in Seattle war eine Katastrophe ebenso wie die Doha-Runde von 2001.

Die Globalisierungsgegner und Entwicklungsländer waren über diese Entwicklung sehr froh, aber in Wirklichkeit war es kein echter Sieg.

Für die ILO war es wichtig, die Globalisierung zu berücksichtigen. Sie hatte in der Zwischenzeit eine Reihe internationaler Normen zu arbeitsrechtlichen und sozialen Themen ausgearbeitet, aber das System war aufgrund der um sich greifenden Idee der Deregulierung, die IWF und Weltbank stark förderten, nicht mehr erfolgreich. Als Reaktion auf diese Herausforderung schloss die Internationale Arbeitskonferenz von 1998 mit der „Erklärung der IAO über grundlegende Prinzipien und Rechte” und verfügte, dass alle ILO-Mitgliedstaaten künftig verpflichtet sein sollten, vier Gruppen von Grundsätzen mit acht Kernarbeitsnormen einzuhalten, ungeachtet davon ob sie ratifiziert sind oder nicht. Dies sind die Übereinkommen zur Vereinigungsfreiheit (für Arbeitnehmer und Arbeitgeber) und das Kollektivverhandlungsrecht. Die zweite Gruppe betrifft die Beseitigung aller Formen von Zwangsarbeit. Die dritte Gruppe behandelt die Abschaffung der Kinderarbeit und die vierte Gruppe hat das Verbot aller Formen der Diskriminierung zum Inhalt. Diese Erklärung war das Ergebnis daraus, dass beim Weltsozialgipfel in Kopenhagen 1995 universelle soziale Regeln zur Begleitung der Globalisierung eingefordert wurden.

Innerhalb der ILO wurde ein besonderes Berichtsverfahren eingerichtet. Aber statt sich der jährlichen Berichtspflicht und Untersuchung zu unterwerfen, schlugen die nichtratifizierenden Staaten weitgehend den Weg ein, sich dem bekannteren und kalkulierbareren Überwachungssystem zu unterziehen, indem sie zunehmend die Kernnormen ratifizierten. Die Ratifizierungsquote der Übereinkommen liegt inzwischen bei weit über 90%. Führend ist das jüngste Übereinkommen – Nr. 182 zum Verbot und zur Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit – das die Liste der Kernarbeitsnormen seit 1999 erweitert.

Alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben alle Kernnormen ratifiziert.

Die Agenda für menschenwürdige Arbeit von 1999, die für unsere heutige Zeit sehr wichtig ist, legte das Recht auf frei gewählte, nachhaltige Beschäftigung fest sowie die Einhaltung internationaler Arbeitnehmerrechte, den Sozialschutz und wirksamen Sozialdialog.

Die Finanz- und Schuldenkrise von 2008 war eine neue Herausforderung für die ILO und 2012 sprach die Arbeitgebergruppe dem Expertenausschuss bei der Bewertung zur Umsetzung der Übereinkommen und Empfehlungen, die sie jährlich in jedem Land vornimmt, die Objektivität ab. Außerdem nahmen die Arbeitgeber das universelle Streikrecht unter Beschuss. Es war eine echte Krise innerhalb der ILO, denn eine der sie konstituierenden Parteien glaubte nicht mehr an ihr Modell.

Ich war der Verhandlungsführer auf Arbeitnehmerseite und wir haben nach über zwei Jahren Anfang 2015 eine Einigung mit den Arbeitgebern über einige Auslegungen erzielt. Dies war und bleibt ein wichtiger Durchbruch. Doch in unseren schwierigen Zeiten müssen wir uns mit Herausforderungen von allen Seiten auseinandersetzen, die teilweise von einigen Mitgliedstaaten ausgehen, teilweise von den Sozialpartnern.

Ungeachtet dieser schwierigen Zeiten haben wir Vereinbarungen erzielt:

  • Übereinkommen über menschenwürdige Arbeit für Hausangestellte (C189) von 2011 (52 Millionen Menschen)
  • Empfehlung betreffend den innerstaatlichen sozialen Basisschutz (R202) von 2012 (74% der Arbeitnehmer, die nicht unter Sozialversicherungssysteme fallen)
  • Protokoll von 2014 zur Überarbeitung des Übereinkommens C29 zur Zwangsarbeit einschließlich aller modernen Formen der Sklaverei (40,3 Millionen)
  • Empfehlung (R204) von 2015 betreffend den Übergang von der informellen zur formellen Wirtschaft
  • Im Jahr 2015 wurden in den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen für 2030 unsere beiden Ziele – menschenwürdige Arbeit und Sozialschutz – als wesentliche Instrumente zur Beseitigung der Armut in der Welt anerkannt.
  • Wir hatten eine allgemeine Diskussion über globale Wertschöpfungsketten und haben in diesem Jahr eine neue Erklärung zu multinationalen Unternehmen abgegeben.
  • Wir erarbeiten ein Übereinkommen zu Gewalt gegenüber Frauen und Männern am Arbeitsplatz.
  • In diesem Jahr haben wir die Erklärung zur menschenwürdigen Arbeit für Frieden und Resilienz und zum Wiederaufbau von Gesellschaften nach Krieg und anderen Katastrophen erneuert (Empfehlung 71 von 1944).
  • Wir haben in diesem Jahr den „UN Global Compact on Migration“ – ein Regelwerk der Vereinten Nationen für Migration – mit äußerst interessanten Empfehlungen erarbeitet.
  • Um zu beweisen, dass der Druck des Überwachungssystems tatsächlich wirkt, sei gesagt, dass wir nach unmöglichen Diskussionen und einem sehr schwierigen Einsatz in Katar eine Einigung mit der dortigen Regierung über die Abschaffung des Kafala-Systems erzielt haben: Zwei Millionen Arbeitnehmer, die derzeit ihrem „Arbeitgeber gehören“, werden anstelle des aktuellen Systems der Sklaverei normale Arbeitsverträge erhalten.

Aber lassen Sie uns nicht auf die letzten 100 Jahre der ILO zurückblicken, sondern uns der Zukunft zuwenden. Denn daran arbeiten wir zurzeit – in die Zukunft blicken. Als Vorsitzender des Verwaltungsrats der ILO gehöre ich automatisch der Globalen Kommission zur Zukunft der Arbeit an, deren stellvertretende Vorsitzende der schwedische Premierminister Stefan Lofven und die Präsidentin von Mauritius, Ameenah Gurib, sind. Die Diskussion zur Zukunft der Arbeit erreicht uns in Zeiten, in denen Gewissheiten verschwinden:

Dem ILO-Index 2015-2016 zufolge nehmen soziale Unruhen insgesamt stark zu.

Die Mittelschicht hat das Gefühl, „nicht länger Teil einer Gesellschaft zu sein, die sich fortentwickelt“.

Die Vielfalt der Kulturen wird als Bedrohung empfunden, nicht als Bereicherung.

Etwa 201 Millionen Menschen sind ohne Arbeit und die Unterbeschäftigung nimmt zu. Die prekäre und informelle Beschäftigung sind immer weiter verbreitet.

Frustration, Hilflosigkeit und Empörung, die sich über die sozialen Netzwerke Luft verschaffen, leisten Populismus, Nationalismus und Protektionismus Vorschub und beflügeln Rufe, „uns unser Land zurückzugeben“.

Die Globalisierung war ein positiver Faktor in Ländern oder Subregionen, die sie reguliert haben. Aber die vorherrschende Politik der Nichtregulierung hat uns verheerende Folgen beschert.

Die Schockwelle der Globalisierung erreicht uns erst jetzt. Unsere Gesellschaften bezahlen einen hohen Preis dafür. Und das ist der Nährboden, auf dem die „Zukunft der Arbeit“ gesät wird.

Die internationale politische, wirtschaftliche und soziale Staatengemeinschaft kann es sich nicht leisten, den gleichen Fehler noch einmal zu machen.

Die Zukunft der Arbeit, die wir uns vorstellen, ist reguliert; bei der Zukunft der Arbeit geht es nicht nur um eine, sondern um sieben Herausforderungen:

1. Neue Technologien

Erste Herausforderung: die neuen Technologien. Wie destruktiv oder konstruktiv wird dieser Prozess sein? Inwiefern werden der Einsatz von Robotern und die Digitalisierung zum Verlust von Millionen manueller Arbeitsplätze führen? Inwieweit wird künstliche Intelligenz auch hochqualifizierte Arbeitsplätze zerstören? Wie werden sich Arbeitsinhalte und -organisation verändern und wie sind die Aussichten für traditionelle Arbeitsbeziehungen (zum Beispiel aufgrund Scheinselbständiger)?

Unsere Botschaft lautet nicht, dass wir neue Technologien bekämpfen müssen. Sie können dazu beitragen, prekäre Beschäftigung auszumerzen, und die Geschichte lehrt uns, dass jede technologische Revolution zu höherer Produktivität, kürzeren Arbeitszeiten und mehr Arbeitsplätzen geführt hat. Aber wenn wir ehrlich sind, wissen wir nicht, was die Zukunft bringt. Wir wissen aber, dass während des Übergangs Arbeitnehmer mit geringer und mittlerer Qualifikation leiden.

2. Notwendigkeit von Arbeitsplätzen

Dies führt uns zur zweiten Herausforderung: der Notwendigkeit von Arbeitsplätzen. Untersuchungen der ILO sagen, dass wir 2030 insgesamt 570 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze brauchen. Wir haben 1,4 Milliarden Arbeitnehmer in der informellen Wirtschaft mit schlechtem Sozialschutz. Die prekäre Beschäftigung nimmt in allen Regionen jährlich um 11 Millionen Arbeitsplätze zu, selbst in den OECD-Ländern. Das Wachstum generiert weniger Arbeitsplätze und bleibt gering. Die landläufige Meinung ist, dass Wachstum Arbeitsplätze schafft. Aber wenn das stimmt – wie erklären wir dann, dass sich das weltweite BIP seit 1980 verdreifacht hat, die Anzahl der Arbeitsplätze aber nicht?

3. Migration

Die Notwendigkeit der Beschäftigung hängt mit der dritten Herausforderung zusammen: der Migration. Weltweit gibt es 244 Millionen internationaler Migranten. Geografische Ungleichheiten und Ungleichgewichte führen zu Migration: 150 Millionen Menschen verlassen ihr Land der Arbeit wegen. Es wird erwartet, dass die Welt in drei Jahren, also 2020, 405 Millionen Migranten zählen wird.

4. Sprungartige Zunahme der „Nichtnormbeschäftigungsformen“

Die vierte Herausforderung ist die Qualität der Arbeit, prekäre Beschäftigung oder „Nichtnormbeschäftigung“, wie es im offiziellen Wortlaut der ILO heißt, und die Zunahme dieses Phänomens. Wenn die Normbeschäftigungsform als unbefristeter Vertrag definiert wird, entsprechen 74% nicht dieser Norm.

Wir beobachten eine immense Zunahme der nichtregulierten Leiharbeit, der Abruf-, Null-Stunden- und Ein-Stunden-Verträge, Tagesverträge und nichtregulierten Formen der Telearbeit. Nicht zu vergessen ist dabei die Zunahme der Scheinselbständigkeit, d.h. Arbeitnehmer, die de facto von ihren Arbeitgebern abhängig sind, und Arbeitnehmer ohne richtigen Sozial- oder Kündigungsschutz.

5. Zunehmende Ungleichheit

Die fünfte Herausforderung ist die zunehmende Ungleichheit. Nur 26% haben Zugang zu Sozialschutz. Von Oxfam hören wir, dass acht Männer 50% des gesamten Vermögens besitzen. Wir stellen hingegen selbst in den OECD-Ländern steigende Armut fest: 300 Millionen Menschen sind arm und 36% der Kinder leben unterhalb der Armutsgrenze.

Aus dem ILO-Lohnindex können wir ablesen, dass der Anteil der Arbeitskosten sinkt: von 75% (1970er Jahre) auf 65% (2008). Dies hat aber nicht zu einem Anstieg der Beschäftigung geführt. Der Lohnanstieg betrug weltweit zwischen 2013 und 2016 nur 1,1% und fand überwiegend in China statt. Wir sehen in den OECD-Ländern eine zunehmende Entgeltkluft. Die Regierungen, die EU und der IWF haben in die Löhne und Lohnbildung eingegriffen. Die Verbindung zwischen Löhnen und Produktivität wurde aufgehoben.

6. Nachhaltige Entwicklung

Die Neugestaltung unseres Wachstumsmodells ist die sechste Herausforderung. Die Aufrechterhaltung des aktuellen Wachstumsmodells würde spätestens Mitte des 21. Jahrhunderts zwei Planeten erfordern.

7. Unternehmen

Die Zukunft der Unternehmen ist die siebte Herausforderung. Kapitalbeteiligungs- und Hedge-Fonds zwingen Unternehmen, kurzfristige Gewinne zu erwirtschaften. Der Unternehmenswert („Shareholder Value“) ist das vorrangige Ziel und geht zulasten der langfristigen Nachhaltigkeit der Unternehmen. Die Unternehmen der „Share Economy” weigern sich, zum Steuer- und Sozialsystem beizutragen. Dies führt zu unlauterem Wettbewerb und entzieht den Behörden Ressourcen.

Globale Wertschöpfungsketten haben 60% Anteil am Welthandel. Sie schaffen Arbeitsplätze und beschäftigen mittlerweile 116 Millionen verborgene Arbeitnehmer. Die Probleme mit der Einhaltung der ILO-Normen und mit existenzsichernden Mindestlöhnen nehmen zu, umso weiter die Kette reicht (häufig bis in Entwicklungsländer).

Die ILO muss die Kombination dieser komplexen Herausforderungen bewältigen. Wie ist dies zu schaffen? Lassen Sie uns sieben Handlungsansätze versuchen:

1. Forschung und permanente Beobachtung

Um den Wandel bestmöglich zu steuern und zu begleiten, brauchen wir dauerhafte Studien zu den Auswirkungen der Technologie und ihrer Wechselwirkungen mit organisatorischen, wirtschaftlichen und sozialen Innovationen auf die Quantität und Qualität der Arbeit. Dies ist eine Hauptaufgabe der ILO-Forscher in Zusammenarbeit und Vernetzung mit anderen Einrichtungen. Das ist ein erster Handlungsansatz.

2. Arbeitsplätze: Unbefriedigter Bedarf stellt ein großes Potenzial dar

Ein zweiter Handlungsansatz besteht in einer anderen Beschäftigungspolitik. Die Formalisierung der informellen Wirtschaft würde zu fairerem Wettbewerb führen. Die Bekämpfung des Klimawandels bietet Chancen: hochwertige Nahrungsmittel, Infrastrukturen für Schulen, Krankenhäuser, Kommunikation, öffentlicher Personenverkehr, saubere Energie, Bildung und Kultur, Pflege (es besteht sofortiger Bedarf an 10,5 Millionen Pflegekräften). Unsere besondere Aufmerksamkeit muss den Geringqualifizierten gelten, um gesellschaftliche Risiken zu vermeiden. Bei der Bewältigung dieses Problems könnten die Entwicklung von Projekten der Sozialökonomie und lokale Arbeitsplatzvermittlungen hilfreich sein.

3. Entgelte und sozialer Schutz

Ein Ziel muss eine bessere Umverteilung sein. Höhere Löhne, Sozialschutz und Sozialversicherung kurbeln den Konsum und das Wachstum an. Größere Gleichheit ist eine Vorbedingung für eine nachhaltige, stabile Wirtschaft und Frieden in der Gesellschaft. Die Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung bis 2030 mit menschenwürdiger Arbeit und Sozialschutz (globale Leitinitiativen der ILO und UNO) zeigen den Weg auf.

4. Verbesserung und Neuausrichtung des Arbeitsrechts, keine Deregulierung

Der vierte Ansatz besteht in der Verbesserung und Justierung des Arbeitsrechts. Der Ausblick der ILO 2015, die Weltbank und der IWF zeigen uns deutlich, dass Arbeitnehmerschutz weder die Zunahme noch die Zahl der Arbeitsplätze mindert.

Das Wesen der Arbeit verändert sich und wird anspruchsvoller. Das gilt auch für das Streben der Unternehmen nach Flexibilität sowie die Bedürfnisse der Arbeitnehmer, Zeit für sich zu haben, um die Arbeitsbelastung im Laufe eines längeren Berufslebens bewältigen zu können. Dies erfordert ein neues Gleichgewicht (mit Gesetzgebung und Tarifverträgen). Es wird wichtig sein, kreative Lösungen mit modernen Formen der Arbeitszeitverkürzung zu finden (Zeitkonten, Elternurlaub, Pflegebeurlaubung, Jahresurlaub).

Vielleicht könnten wir neu definieren, was „normale Arbeit“ bedeutet, aber die traditionellen Arbeitsbeziehungen sind nicht tot. Nicht jede/r muss/kann selbständig sein und Unternehmen können oder möchten nicht ausschließlich mit Freiberuflern arbeiten. Sie brauchen Kontinuität und Verlässlichkeit. Es wird einen riesigen Bedarf an schulischer und beruflicher Bildung und Berufsberatung geben, an erster Stelle für die vom Wandel betroffenen Arbeitnehmer. Die Sozialpartner und Regierungen müssen dabei eine Rolle spielen. Individuelle Arbeitsverträge und -programme sind nur dann vertretbar, wenn sie Teil einer Kollektivregelung sind, die sie schützt.

5. Unternehmen, die sich auf nachhaltige Investitionen/Wachstum konzentrieren

Anstelle des Unternehmenswerts als oberstem Ziel müssen Unternehmen wieder langfristig denken und danach streben, gleiche und faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen, die sich auf die Kernnormen der ILO stützen. Das ist der fünfte Weg. Sogenannte ‚virtuelle Unternehmen‘ sollten unter Steuer- und Sozialsysteme fallen.

Es ist an der Zeit, „grenzübergreifende“ Verhandlungen für grenzübergreifende Vereinbarungen zu fördern, wie die internationalen Rahmenvereinbarungen in multinationalen Konzernen und globalen Wertschöpfungsketten, wie die Abkommen zwischen globalen Gewerkschaften und „Marken“, die nach der Katastrophe von Rana Plaza geschlossen wurden. Die Einhaltung der erneuerten Erklärung zu den multinationalen Unternehmen als wichtigem Instrument ist ein weiterer Schritt und wir sind dabei, ein Beschwerde- und Schlichtungsverfahren der ILO auszuarbeiten. In jedem Fall kommt der ILO eine wichtige Rolle zu, nicht nur im Zusammenspiel mit und gegenüber den Mitgliedstaaten, sondern auch mit und gegenüber internationalen Unternehmen.

6. Notwendigkeit sozialer Stabilität

Soziale Stabilität, der sechste Handlungsansatz, ist nur mit der Neuaufwertung des Sozialdialogs und Tarifvertragssystems möglich. Unternehmen und die Arbeitnehmer verdienen Rechtssicherheit. Die aktuelle Situation politischer Umbrüche fast überall in der Welt destabilisiert die Sozialsysteme. Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbände müssen wieder ihrer Rolle gerecht werden, die Systeme des Sozialschutzes und der Sozialversicherung zu unterstützen, zu untermauern und zu steuern.

Sehr geehrte Damen und Herren,

der siebte Lösungsansatz heißt „Arbeit kann kein Verbrauchsartikel sein“. Die ILO wurde 1919 mit dem berühmten Satz gegründet „Der Weltfrieden kann auf die Dauer nur auf sozialer Gerechtigkeit aufgebaut werden.“ Im Jahre 2017 fühlen Menschen, Arbeitnehmer/innen sich nicht anerkannt.

Lassen Sie uns die Zukunft der Arbeit annehmen, indem wir zu den Erwartungen der Menschen und Arbeitnehmer/innen, zur Realwirtschaft, zur realen Gesellschaft zurückkehren.

Ich danke Ihnen!

 

Kampagne „Gesunde Arbeitsplätze: Gefährliche Substanzen erkennen und handhaben“

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