Homepage > Aktuell > News-Archiv > Joachim Herudek im Gespräch mit Slobodan Antovski, Vorsitzender des mazedonischen Gewerkschaftsverbands UNASM (Union of Independant Autonomus Trade Unions of Macedonia)
Joachim Herudek, ehemaliger Generalsekretär von EZA, reiste im Oktober 2009 nach Mazedonien und besuchte dort zwei UNASM-Seminare. Das eine mit dem Thema „Die Verwendung neuer Technologien und die Schaffung sozialer Netzwerke zur Förderung des Sozialen Dialogs“, führte UNASM in Zusammenarbeit mit EZA selbst durch, das andere zum Thema „Richtungsgewerkschaften und Einheitsgewerkschaften“, organisierten UNASM und das EZA-Mitgliedzentrum Recht en Plicht zusammen.
In diesem Zusammenhang führte er mit Slobodan Antovski, Vorsitzender des mazedonischen Gewerkschaftsverbands UNASM (Union of Independent Autonomous Trade Unions of Macedonia), das folgende Interview:
Frage: Es hat Spaß gemacht, an den beiden Seminaren über den Sozialen Dialog teilzunehmen. Wie viele Bildungsveranstaltungen habt ihr im Jahr und wie viele Mitglieder erfasst ihr?
Antwort: Abhängig von den Themen und ihrer Aktualität und abhängig von der Möglichkeit internationale Bildungsveranstaltungen zu organisieren, steht die Teilnehmerzahl der Mitglieder im richtigen Verhältnis zum Bedarf. Dank EZA und seiner Unterstützung für UNASM verstärkt sich die Bedeutung dieser Bildungsveranstaltungen. Doch nationale Bildungsveranstaltungen würden wir eigentlich viel mehr brauchen. Dort könnte man über nationale Strategien debattieren, so dass wir eine echte Basis hätten, damit wir unsere nationale Identität beibehalten können. Denn in diesem Moment muss Mazedonien sehr schwere Entscheidungen treffen, wo das nationale Bewusstsein sehr wichtig ist.
Frage: Was hat sich seit der Unabhängigkeit Mazedoniens 1991 für die Arbeitnehmer geändert?
Antwort: In der Erwartung, dass der Pluralismus, die Demokratie und die angekündigte Privatisierung des sozialen Kapitals Wohlstand und Stärkung bringen würden, haben die mazedonischen Arbeiter einen legendären Tsunami erfahren.
Frage: Ich weiß aus den gemeinsamen Seminaren, dass dir der Soziale Dialog ein großes Anliegen ist. Wie hat er sich in Mazedonien entwickelt? Kommen die Gewerkschaften mit Staat und Unternehmern in einer zufrieden stellenden Weise ins Gespräch?
Antwort: Natürlich ist uns der Soziale Dialog ein großes Anliegen. Leider muss ich sagen, dass er in Mazedonien nicht funktioniert bzw. die Versuche für ein wirkliches Funktionieren zu wenig sind. Als Beispiele für diese Versuche würde ich die leider zu wenigen Kleinbetriebe oder vor allem die Betriebsleiter nennen, die in die Wirtschaft Mazedoniens eingetreten sind. Die meisten von ihnen haben ihr Berufsleben in Westeuropa verbracht, deshalb kennen sie sowohl die europäische Gesetzgebung als auch das soziale System in Westeuropa sehr gut. Dank des Drucks von außen ist der Wille der Regierung, den Sozialen Dialog in irgendeiner Art durchzusetzen, zumindest vorhanden, allerdings nicht aufgrund der Einsicht, dass Sozialer Dialog wichtig ist, sondern als Mittel zu Fortschritt und wirtschaftlicher Erstarkung des Staats.
Frage: Welche Arbeitnehmergruppen sind in der Dachgewerkschaft, die Du leitest, organisiert?
Antwort: Arbeitnehmer im Bereich von Verkehr, Industrie, Landwirtschaft etc. Leider muss ich ehrlich sein: Die Quantität und die Vertretungszahl sind noch immer auf seiten der postkommunistischen Gewerkschaft und ihren Satelliten.
Frage: Bedeutet das, dass die Arbeiter in Mazedonien eher dem sozialistischen Wirtschaftssystem die Lösung ihrer Probleme zutrauen als dem der Sozialen Marktwirtschaft?
Antwort: Die Antwort zu dieser Frage ist nicht einfach und bedarf einer ausgedehnten Analyse des Geschehens in der letzten Zeit. Ich muss hervorheben, dass die Arbeitnehmer, die in der Periode des Sozialismus arbeiteten, mit einer Katastrophe konfrontiert wurden. Die mazedonischen Betriebe haben einen echten Tsunami erfahren. Von den ehemaligen Betrieben und Kombinaten sind nur nackte Wände übrig geblieben. Die bisherigen sozialistischen Direktoren haben die zuvor genannten Betriebe und Kombinate widerrechtlich übernommen, aber sie hatten keine Vision, was sie mit ihnen machen sollten. Wo wir vorher erfolgreiche Betriebe hatten, sind private Besitze mit Sportplätzen gewachsen. Es gab auch verwüstete und ausgeraubte Kombinate, massive Entlassungen, bei denen die Arbeitnehmer als überzählig oder Konkursarbeitnehmer proklamiert wurden. Niemand erkannte, dass es sich dabei um klassische Entlassungen handelte und es keine Idee gab, was mit diesen Arbeitnehmern in der Zukunft zu machen sei. Die privatisierten Betriebe, die wir als ein positives Beispiel nennen könnten, sind nur sehr wenige.
Doch gibt es in Mazedonien sehr viele Leute, die für den EU-Eintritt Mazedoniens sind. Außerdem sind die Arbeitnehmer Mazedoniens grundsätzlich für eine kräftige soziale Gesellschaft und soziale Marktwirtschaft.
Frage: Erfasst ihr bei eurer Arbeit auch die Arbeitslosen, die laut offizieller Statistik 35% der aktiven Bevölkerung ausmachen?
Antwort: Ja, wir sind die einzige Gewerkschaft Mazedoniens, die auch die Arbeitslosen, die keine Schuld tragen und doch ohne Arbeit sind, erfasst. Die Arbeitnehmer tragen in Mazedonien keine Schuld an dieser Situation. Wir, die Gewerkschaften und die Nicht-Regierungsorganisationen, sind verpflichtet, diese Leute zu unterstützen und mit ihnen zu sein, damit sie sich nicht allein fühlen. In Bezug auf die Statistik, wäre ich damit nicht ganz einverstanden, weil wir das letzte Jahr eine Untersuchung zusammen mit EU-Experten durchgeführt haben. Diese Untersuchung wurde von der Niederländischen Gewerkschaft CNV unterstützt. Dadurch haben wir erfahren, dass mehr als 100 000 Arbeitnehmer in der inoffiziellen Wirtschaft unregistriert arbeiten, am meisten in der Textilindustrie. Das ist etwas, was die Statistik spürbar ändert. In diesem Moment bemüht sich UNASM, diese Arbeitnehmer aufzuklären und sie als Mitglieder zu gewinnen. Ich muss eingestehen, dass es sehr schwer ist, diese Arbeitnehmer zu gewinnen. Der Grund dafür ist, dass es eine große Angst gibt, Angst vor Entlassung und Existenzverlust.
Frage: Wie steht deine Gewerkschaft zum EU-Beitritt Mazedoniens? Entspricht das der Meinung der Mehrheit der Bevölkerung?
Antwort: Vielleicht sind wir die einzige, die ehrlich in das EU-Team eintreten mögen. Aber das ist auch etwas, was sich die Mehrheit der Mazedonier wünscht.
Frage: In den Seminaren, an denen ich bei euch schon früher teilgenommen habe, waren auch Teilnehmer aus dem Kosovo, Bulgarien und Albanien vertreten. Wie haben sich diese Kontakte entwickelt und die mit eurem Partner aus Westeuropa?
Antwort: Die Periode der Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften Kosovos, Albaniens und Bulgariens ist eine Periode unserer Aktivität, bevor wir eine Zusammenarbeit mit EZA begonnen haben, während die Zusammenarbeit mit unseren dänischen, belgischen und holländischen Partnern und mit vielen anderen aus Westeuropa und anderen Regionen dank EZA begonnen hat.
Frage: Was sind in deinen Augen die drängendsten Probleme, die deiner Meinung nach auf nationaler und europäischer Ebene angegangen werden müssen?
Antwort: Es ist sehr schwer, Prioritäten zu setzen in einer Situation, in der sich die mazedonischen Arbeitnehmer und Bürger befinden. Allerdings, wenn ich mich für Dringlichkeit entscheiden müsste, würde ich die Arbeitslosigkeit, das heißt die Beschäftigung, an erste Stelle setzen.
Frage: Spielt die Arbeit von EZA für deine Gewerkschaft irgendeine Rolle?
Antwort: Dank der Zusammenarbeit mit EZA haben wir viele Freunde, viele gleichgesinnte Personen kennen gelernt. Das wichtigste ist, dass EZA die Möglichkeit gibt, die Probleme untereinander auszutauschen und den richtigen Weg für die Lösung kritischer Situationen zu finden.